"Finale, oho, Finale!" Auf den Schlachtruf der Nacht setzte Karl-Heinz Rummenigge im kollektiven Glücksrausch noch einen drauf. Die Demontage von Olympique Lyon war gerade zwei Stunden alt, da sprach der Chef des FC Bayern München bereits von der Krönung am 22. Mai in Madrid.

Lyon (dpa). "Diese Mannschaft verdient es auch, die Champions League zu gewinnen", tönte Rummenigge in seiner Bankettrede. Auf die prächtige Partystimmung folgte gestern nach der Landung des Lufthansa-Airbus in München der Kater: Franck Ribéry wurde von der UEFA nach seiner Roten Karte im Halbfinal-Hinspiel gegen Lyon für insgesamt drei Spiele gesperrt – er verpasst damit auch das Spiel der Spiele in Madrid. Ein Schock für ihn – aber auch den FC Bayern! Die Münchner wollen Berrufung gegen die Sperre einlegen.

Die noch vier ausstehenden Spiele sollen nach dem bombastischen 3:0 von Lyon aber auch ohne Ribery in einer noch nicht erlebten bayerischen Glückseligkeit gipfeln, dem Titel-Triple. "Diese Saison kann historisch werden", schwärmte Rummenigge voller Vorfreude. An einem magischen Abend "mit Fußball fast in Vollendung" (Präsident Uli Hoeneß) und drei Toren des herausragenden Billig-Bombers Ivica Olic (26./67./78. Minute) kann nun kommen, wer will; ob Inter Mailand oder der FC Barcelona beim großen Schluss-Spektakel in Madrid, Werder Bremen im DFB-Pokalfinale sowie die Leichtgewichte VfL Bochum und Hertha BSC im Endspurt zum 22. deutschen Meistertitel.

Die Pointe eines traumhaften Abends im Stade de Gerland war, dass ausgerechnet am ersten Jahrestag der Entlassung von Jürgen Klinsmann der Trainer der Triumphator war. Louis van Gaal ist drauf und dran, sich gleich in seiner Premierensaison zu König Louis I. von Bayern zu krönen – und das nach einem Horrorstart. "Er ist der Vater dieser ganzen Geschichte", hob Fußball-"Kaiser" Franz Beckenbauer hervor.

Van Gaal hat der Elf eine Handschrift verpasst. Der Fußball-Allwissende formte um teure Ausnahmekönner wie Arjen Robben und Ribéry, der schon in Lyon gesperrt fehlte, ein Kollektiv. Er hat den unglaublichen Mut, Talente ins kalte Wasser zu werfen. In Diego Contento (19), Thomas Müller (20) und Holger Badstuber (21) standen drei Youngster im Champions-League-Halbfinale in der Start-elf, mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und dem eingewechselten David Alaba kamen insgesamt sechs Bayern-Eigengewächse zum Einsatz.

Selbst van Gaal ist verblüfft. "Wir leisten Unglaubliches mit dieser Mannschaft. Das hätte ich nicht erwartet am Anfang", gestand er auf der Rückreise nach München. Der 58-Jährige hatte im Vorfeld nicht geklagt über die Personalsorgen, er ließ das 1:0 aus dem Hinspiel nicht verwalten, sondern munter angreifen. Und mit Hamit Altintop als Ribéry-Ersatz auf dem linken Flügel gelang ihm wieder ein Coup. "Da habe ich zuletzt unter Hannes Bongartz bei Wattenscheid 09 gespielt – in der Regionalliga", erzählte Altintop, der sich nach "frustrierenden Tagen" als Reservist toll einfügte ins Ensemble.

Van Gaal ist mit den Spielern zu einer Einheit verschmolzen. "Sie haben zehn Monate mit van Gaal leben müssen, das ist nicht einfach. Ich habe das Gefühl, dass meine Spieler jetzt sehr froh sind." Vor verfrühten Jubelarien warnte er aber, eine Party nach dem Spiel gab es für die Spieler nicht. "Wir haben noch nichts gewonnen, können noch alles verlieren", sagte van Gaal.