Leipzig l „Ja, es war ein Scheißkampf!“ Geradeheraus und mit entwaffnender Ehrlichkeit redete SES-Promoter Ulf Stein- forth nach dem engen Zwölf-Runden-Duell, das die drei Ringrichter mit 115:113, 114:114 und 113:113 gewertet hatten, so dass sein Schützling Robert Stieglitz seinen EM-Gürtel behalten durfte, Klartext. Was danach kam, ließ aufhorchen.

Zuerst erklärte Steinforth, dass er seinen Vorzeige-Boxer (57 Kämpfe, 50 Siege, 2 Unentschieden) in Anlehnung an ein altes Leipziger Adelsgeschlecht – Christian Ludwig Stieglitz (1677 – 1758), langjähriger Bürgermeister der Stadt, wurde einst posthum geadelt – als Belohnung für die Titelverteidigung eine Woche lang mit „Herr von und zu Stieglitz“ ansprechen werde. Daran schloss sich eine Liebeserklärung an: „Ich bin stolz auf dich! Du bist ein geiler Boxer, hast eine Mega-Karriere hingelegt und Unglaubliches für den Boxsport geleistet. I love, Robert Stieglitz!“

Die innige Umarmung, die folgte, ließ auf einen besonderen Moment schließen. Darauf angesprochen, ob dies bereits ein Abgesang auf seine glorreiche Karriere war, erklärte Stieglitz, der in der Pressekonferenz offiziell keine Stellung zu seiner Zukunft genommen hatte: „Das ist schwer zu sagen, und eigentlich sollte ich eine Nacht darüber schlafen, aber mein Gefühl sagt mir: Das war‘s. Es reicht!.“

Beide Boxer sehen sich als Sieger

Wie Sjekloca, der mit dem Urteil haderte („Ich bin zum dritten Mal in Deutschland um den Sieg betrogen worden. Doch während ich gegen Abraham und Zeuge noch irgendwie damit leben konnte, bin ich diesmal wirklich schwer enttäuscht und sauer.“) hatte sich auch Stieglitz als Sieger gesehen. Dennoch gab er zu: „Es war nicht mein bester Kampf, irgendwie hat alles nicht gepasst.“ Er sei mit der „komischen Art und Weise“, wie Sjekloca geboxt habe, nicht klargekommen. „Er war unbequem zu boxen, hat sich immer wieder abgeduckt und es war schwer, ihn zu treffen“, ging Stieglitz 90 Minuten nach dem Duell hart mit sich ins Gericht.

Der 35-jährige Ex-Weltmeister im Supermittelgewicht, der sich auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn unter anderem vier epische Schlachten mit Arthur Abraham geliefert hatte, hatte in jüngster Vergangenheit immer wieder betont, so lange weiterboxen zu wollen, so lange er seine Gegner im Ring beherrsche. Das war vor 5500 Zuschauern in der Arena Leipzig offensichtlich nicht mehr der Fall: „Der Kampf war ein Zeichen“, bekannte Stieglitz. „In der Vorbereitung habe ich mich topfit gefühlt, aber im Ring konnte ich meine Energie nicht umsetzen. Man kann das Alter eben nicht austricksen, ich habe an Schnelligkeit verloren. Deshalb, auch wenn es weh tut, irgendwann muss Schluss sein.“

Mit dieser Botschaft machte Robert Stieglitz neben Sohn Oskar (10) vor allem drei Frauen froh: Seine Mama Tatjana in der russischen Heimat Jesk, die aus Angst um ihren Sohn keinen einzigen Kampf angesehen hat. Und Freundin Anna Ostertag sowie Töchterchen Valeria (sechs Monate) natürlich: „Anna wird sich freuen. Sie hat mich zwar in allem unterstützt, aber sie hat auch gemeint: Warum boxt du weiter, du hast doch schon alles erreicht.“ Die Geburt der Tochter habe ihn nicht weich gemacht, „sondern Kraft gegeben“, betont der Champion, „aber das Ganze hat mich auch zum Nachdenken gebracht: Ich möchte das Schicksal nicht noch weiter herausfordern. Meine Familie braucht mich gesund.“