Von der spontanen Lebensretterin zur tragischen Heldin – Ramona Kühne wird den 9. Januar 2010 wohl so schnell nicht vergessen. Binnen weniger Stunden durchlebte die Weltmeisterin am Sonnabend ein Wellenbad der Gefühle. Während die 29-jährige Boxerin beim Morgenspaziergang noch einer gestürzten 76-jährigen Rentnerin zur Hilfe eilte, benötigte sie nach der Abbruch-Niederlage gegen Ina Menzer selbst einen Arzt. Ein Cut überm linken Auge musste genäht werden.

Magdeburg. Zwei krachende Rechte aufs linke Auge. Das Kämpferherz von Ramona Kühne schlug wild, der Adrenalinschwall spülte die Schmerzen hinweg. Die Weltmeisterin dachte gar nicht daran aufzugeben. Sie wollte weiterboxen. " Es lief doch gerade so gut, der Kampf war bis dahin ausgeglichen ... " Auch ihre Gegnerin, Dreifach-Champion Ina Menzer, sah Mitte der 6. Runde bereits aus, als wäre sie gegen einen Bus gelaufen.

Doch der Ringarzt hatte Erbarmen mit der Herausforderin. Er gab das alles entscheidende Zeichen : Nichts geht mehr ! " Der Cut reichte fast bis auf den Knochen, da war es einfach viel zu gefährlich, weiterzuboxen ", erklärte Ringarzt Christoph Goetz seine vom Publikum mit Pfiffen kommentierte Entscheidung.

Die Lokalmatadorin (" wenn der Arzt das so sieht, muss das schon richtig sein ") sah sich ihres Traumes, Weltmeisterin Ina Menzer ihre Federgewichts-Kronen nach Version der WBC, WIBF und WBO abknöpfen und in der vierten Gewichtsklasse einen Titel gewinnen zu können, beraubt. Widerstrebend, todunglücklich und enttäuscht stürzte sich die für ihre boxerische Klasse und ihr mutiges Nachvorngehen gefeierte Kühne in die Arme ihres Trainers und Lebensgefährten Stefan Böstfleisch und weinte hemmungslos.

Der 42-Jährige gestand hinterher : " In diesem Moment musste ich mitweinen, denn ich wusste, wie viel Kampf, Entbehrungen und Kraft es Ramona gekostet hat, ein weiteres Mal abzunehmen ", so der Polizeibeamte, der seiner Freundin attestierte, bis zum Zeitpunkt des Abbruchs " alles richtig gemacht " zu haben.

Für die Chance ihres Lebens war die Boxerin vom Magdeburger Profistall SES ein großes Risiko eingegangen, denn sie hatte sich bei der Wahl der Boxhandschuhe für das dünne und damit härtere Modell entschieden und sich dieses Recht vertraglich zusichern lassen. Letztendlich wurde ihr die " harte Tour " selbst zum Verhängnis. Böstfleisch rechtfertigte im Nachgang das Vorgehen : " Wir wussten, worauf wir uns einlassen. Da es schwer werden würde, nach Punkten gewinnen zu können, mussten wir uns etwas einfallen lassen. Und zu einem K. o. gehört nun mal auch das richtige Handwerkszeug. Ich würde immer wieder so entscheiden. "

Dagegen schimpfte die Siegerin wie ein Rohrspatz. " Ich habe noch nie mit so harten Handschuhen geboxt und selbst jeden Schlag gespürt. Wenn eine Frau in meiner Gewichtsklasse einen Cut bis zum Knochen erzeugen kann, sagt das doch schon einiges, ", so Menzer, die von einem Rematch nichts hören wollte : " Warum ? Ich habe doch klar gewonnen. "

Die Verliererin hatte in diesem Moment andere Sorgen. Die hauptberufliche Schwimmmeisterin, die am Morgen einer auf offener Straße gestürzten und kollabierenden Rentnerin mit lebensrettenden Maßnahmen geholfen hatte und im Polizeiprotokoll als " Lebensretterin " vermerkt wurde, musste im Krankenhaus drei Stunden warten, ehe ihr Cut mit sieben Stichen genäht und die angeknackste Nase gebrochen und gerichtet werden konnte. " Mit mir wurden drei Brandverletzte eingeliefert, die zuerst versorgt werden mussten ", so Kühne, die bei der After-Show-Party aber schon wieder lachen konnte ...

Beim Anblick des zerdellten Gesichtes bekam einer jedoch ein besonders schlechtes Gewissen – SES-Promoter Ulf Steinforth : " Auch wenn Ramona unglücklich verloren hat, für mich persönlich ist sie die Gewinnerin. Ich muss mich eigentlich bei ihr entschuldigen, denn mit diesem Kampf habe ich ihr sehr viel zugemutet. "