Magdeburg l Es liegt in der Natur ihrer Sportart, dass Kanuten – anders als Ruderer – mit dem Blick nach vorn dem Ziel entgegensteuern. Yul Oeltze tut das auch im übertragenen Sinne. Vorwärtsgerichtet, die verpatzte olympische Saison weit hinter sich lassend, nimmt der 23-jährige Magdeburger eine WM-Medaille ins Visier.

Kurze Auszeit zum Auftanken

Magdeburg, Leipzig, München, Szeged, Belgrad, Magdeburg – eine vierwöchige, sehr intensive Vorbereitung inklusive der anschließenden Weltcup-Tour liegt hinter Yul Oeltze. Nach der Rückkehr nach Magdeburg und in die Arme von Freundin Vanessa (31) hat der SCM-Kanute eine Woche den „Schongang“ eingelegt. „Das war schon eine mega coole Zeit. Aber eben auch sehr anstrengend – vor allem für den Kopf. So gesehen war die kleine Auszeit einfach nötig und für mich eine Wohltat“, gesteht der 23-Jährige.

Doch ab jetzt wird wieder in die Hände gespuckt! Der Akku ist aufgeladen. Mit Vollgas nimmt Oeltze – und buchstäblich mit ihm in einem Boot sitzend, Peter Kretschmer – die EM in Plovdiv Mitte Juli in Angriff. Es ist die zweite Etappe auf dem Weg zum großen Ziel: Die WM vom 22. bis 27. August in Racice (Tschechien).

Geht der Match- und Streckenplan auf, den der Magdeburger und der Olympiasieger aus Leipzig in den letzten Wochen gemeinsam geschmiedet haben, dann finden sie sich bei den Welttitelkämpfen auf dem Treppchen wieder. „Bei der WM wollen wir ganz vorne mitfahren, eine Medaille ist das Ziel. Dafür rackern wir uns weiter ab, hängen uns im Training rein, feilen weiter an der Technik und perfektionieren die Abstimmung“, macht Oeltze kein Hehl aus den Ambitionen des neuformierten Zweiercanadiers.

Erfolge in der noch jungen Saison

Der hat in der noch jungen Saison bereits für viel Wirbel gesorgt. Dabei war der Weg das Ziel. Nach der nationalen Einer-Qualifikation Anfang Mai fanden sich Oeltze und Kretschmer – beide in der Vorsaison mit Magdeburger Zweier-Partnern (Erik Leue bzw. Michael Müller) an der Qualifikations-Hürde für Rio gestrauchelt – in der Wunschformation zusammen: „Danach verständigten wir uns relativ früh, dass wir es in der neuen Saison zusammen probieren wollen. Wir mussten eben nur in der ,Quali‘ jeweils richtig einen raushauen, so dass keiner mehr an uns vorbeikommt“, freut sich Oeltze, dass die „Trotzreaktion“ zum gewünschten Erfolg führte. Danach wollten beide „nichts mehr dem Zufall überlassen“. Oeltze, der zum Schlagmann erkoren wurde („Die Position war schnell klar, weil ich vorne meine Power am besten einbringen kann.“) hatte der Ehrgeiz gepackt. Und nicht nur ihn, auch der 25-jährige Kretschmer, der nach seinem Olympiasieg 2012 in London mehr Tiefen als Höhen durchlebte, hatte ein gutes Gefühl: „Für uns war schnell klar: Das ist es und nichts anderes!“

Oeltze verlegte seinen Trainingsmittelpunkt in Absprache mit seinem neuen Heimtrainer Detlef Hummelt nach Leipzig. „Der klar gewonnene Ausscheid gegen Conrad Scheibner und Stefan Kiraj war das erste Achtungszeichen von uns“, blickt der Schlagmann mit einem breiten Grinsen auf den ersten Streich zurück. Denn: Der zweite folgte sogleich: Beim Weltcup in Szeged gelang dem neuen C2 der Coup. Im Kampf um das Prädikat „bestes deutsches Boot“, das gleichbedeutend mit dem WM-Ticket war, hatten Sebastian Brendel und Jan Vandrey aus Potsdam überraschend das Nachsehen: „Dieser Zweikampf in Szeged war einfach nur krass. Der mentale Druck war extrem. Es ging einfach um zu viel“, gibt Oeltze zu. Im Finale lag ein Knistern in der Luft, und am Ende seien beide auf den letzten Metern im roten Bereich gewesen. „Ich habe nichts mehr gesehen, nur irgendwie gespürt: Das reicht!“ Zwar nicht zu Gold und auch nicht Silber, aber zu Bronze – vor den favorisierten Olympiasiegern. Acht Zehntelsekunden betrug am Ende dann der Vorsprung – deutlich genug für die Verantwortlichen im Deutschen Kanuverband (DKV), um Oeltze/Kretschmer das Vertrauen zu geben, Richtung WM zu steuern.

Vertrauen zurückgezahlt

Dieses Vertrauen wurde eine Woche später mit dem Sieg beim Weltcup in Belgrad zurückgezahlt. Obwohl jenes Goldrennen „schon nah an perfekt“ gewesen sei, sieht Oeltze „viel Luft nach oben“. An der einen oder anderen Schraube werde vor allem „Kretsche, der Perfektionist“ während des Trainingslagers in München in Vorbereitung auf die EM drehen. „Die EM fahren wir mit Blick auf die WM aber aus dem Training heraus, denn hinten kackt die Ente“, lacht Oeltze, der diese alte Kanu-Weisheit spätestens seit dem Alles-oder-Nichts-Rennen in Szeged zum Besten geben kann.