Der Stadtrat hat die Entscheidung über einen Vegetariertag in Magdeburg vertagt / Tierschützerin Bettina Fassl
"... musste mich sehr beherrschen, nicht den Wellemeyer zu geben"
Von Katja Tessnow

Einiger Zuspruch, aber auch Ablehnung – der Volksstimme-Bericht über die Stadtratsinitiative für einen Vegetariertag in Magdeburg löste unterschiedliche Reaktionen aus. Der Stadtrat hat die Entscheidung über den " Vegi-Tag " -Antrag der Fraktionen SPD-Tierschutzpartei-future ! und Grüne zunächst vertagt. Schon damit kann mancher Tierschützer schlecht leben.
Magdeburg. " Wir wären da natürlich nie allein drauf gekommen ", räumt SPD-Ratsfraktionsvize Burkhard Lischka ein und verhehlt nicht, die Ratsinitiative für den Vegetariertag ist ein erstes Produkt der neuen Fraktionsallianz mit der Tierschutzpartei. Das Anliegen in Kurzform : Dem Beispiel der belgischen Stadt Gent folgend solle die Stadt Magdeburg, beginnend mit dem 29. Oktober, jeden Donnerstag zum " Vegi-Tag " erklären und ihre Einwohner dazu aufrufen, an diesem Tag freiwillig auf tierische Nahrungsmittel, insbesondere Fleisch und Wurst, zu verzichten. Bundes- und Landesinstitutionen und Anbieter von Kita- und Schulspeisung sollen gebeten werden, das Anliegen, das sich auch als Kritik an industrieller Fleischproduktion versteht, zu unterstützen.

Immerhin : Nachdem der neue Tierschutz-Mitstreiter Lothar Tietge seine Ratsfraktion für das Thema sensibilisiert hatte, heimste er bei SPD-Tierschutzpartei-future ! einstimmige Unterstützung ein und konnte auch noch die Fraktion der Grünen fürs Anliegen gewinnen.
Spott aus Richtung CDU : Fleisch ist mein Gemüse
Im Stadtrat rief die Ratsvorsitzende Beate Wübbenhorst ( SPD ) den Antrag in der Vorwoche außer der Reihe und als besonders dringlich auf. Lange Gesichter und Gemurre bei der CDU, auch als der Abgeordnete Tietge den " Vegi-Tag " in wahrlich staatstragendem Ton anpries : " Magdeburg, die erste deutsche Stadt, die den, Vegi-Tag ‘ einführt – das wäre doch eine Schlagzeile !"
" Fleisch ist mein Gemüse ", raunte es in Anlehnung an einen bekannten Buch- und Filmtitel aus den christdemokratischen Reihen zurück. Den ein oder anderen Fleischfan mag schon die ansonsten eher deftige Versorgung zur Sitzungspause vergrämt haben : Zum Anlass wurde Kohlrabischnitzel gereicht. " Mit Speck in der Soße ", wie der Grüne Sören Herbst später lächelnd, aber bestimmt rügte.
Herbst, der das Thema " Vegi-Tag " durchaus sehr ernst nimmt, versuchte die spürbar aufgeladene Atmosphäre zu glätten : " Ich bin dafür, dass wir das Thema doch erst einmal im Gesundheitsausschuss diskutieren, damit es hier nicht gleich rundweg abgelehnt wird. "
Für die Liberalen schloss sich Carsten Klein mit dem Begehr nach Überweisung in gleich 4 (!) weitere Ratsausschüsse an, nämlich in die für Bildung / Schule / Sport, Kommunales / Recht / Bürgerangelegenheiten, Jugendhilfe sowie Regionalentwicklung / Wirtschaftsförderung / Beschäftigungspolitik.
Liberale plädieren für bewusst statt fleischlos
Da raunten wiederum die " Vegi-Tag " -Freunde und verstanden das als reine Verzögerungstaktik. In einem Änderungsantrag reichen die Liberalen inhaltliche Aufweichung nach : aus dem " Vegi-Tag " solle ein " Tag der bewussten Ernährung " werden.
Tierschützer sind auf der Palme. Einige von ihnen, darunter Bettina Fassl, hatten am vergangenen Donnerstag bis 21 Uhr im Rathaus ausgeharrt, um bei der Verhandlung zum " Vegi-Tag " -Antrag und bestenfalls bei seiner Verabschiedung live dabei zu sein. Nun das. Zerraunt und vertagt. Bettina Fassel schreibt an die Redaktion : " Mir hat die Diskussion keine Ruhe gelassen. Musste mich sehr beherrschen, nicht den Wellemeyer zu geben. " ( Die " Dumpfbacken " -Schimpfe des Ex-Theaterintendanten im Streit um die Uniplatzkunst taugt inzwischen offenbar als Metapher. )
Obwohl der Vegetariertag mit dem Ausschuss-Verweis noch gar nicht vom Tisch ist, wettert Fassl voller Wut : " Uns haben in den letzten Tagen unzählige Mails aus ganz Deutschland erreicht, Zeilen, in denen klar zum Ausdruck kam, wie sehr sich Menschen freuten, dass das Genter Modell nun auch in einer deutschen Stadt umgesetzt werden soll. Keiner dieser Menschen hat sich mit dem Gedanken beschäftigt, dass die Magdeburger Stadträte es versieben könnten. Nur wir hatten es befürchtet, man kennt sich ja ... "
Fassl und ihre Tierschutz-Mitstreiter befürchten, dass das Ergebnis von Ausschussberatungen und Konsenssuche eine " Pseudo-Gesundheits-Aktion " wird, bei der einmal wöchentlich zum Verzehr von gesundem Fleisch aufgerufen würde, " und die Fleischer können vorerst weiter ruhig schlafen ". Ob die SPD als Antragspartner allerdings wirklich den Magdeburger Fleischern schlaflose Nächte bereiten wollte, steht dahin.
Der " Vegi-Tag " wird voraussichtlich im November erneut im Stadtrat zur Debatte stehen.

|
Druckversion
|
|
|

|
Artikel verschicken
|
|
|

|
Leserbrief
|
|
|
[ document info ]
Copyright © Volksstimme.de 2010
Dokument erstellt am 16.10.2009 um 05:58:07 Uhr
Erscheinungsdatum 16.10.2009 | Ausgabe: mdx

|