Annemarie Niemann geht für Aktion Sühnezeichen nach Frankreich
Ein Jahr Friedensdienst am Ort eines Kriegsverbrechens
Von Andreas Mangiras

Das wohl spannendste Jahr ihres Lebens steht Annemarie Niemann (18) aus Bias bevor. Ab September wird sie für ein Jahr zum Friedensdienst für die Aktion Sühnezeichen nach Frankreich gehen. Eingesetzt wird sie in Oradour sur Glane, einer Gedenkstätte für ein von Deutschen verübtes Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg.
Zerbst/Bias. Nach dem gerade erreichten Abitur am Zerbster Francisceum habe sie nicht gleich studieren wollen, berichtet die junge Frau. Auf der Suche nach einer Einsatzmöglichkeit, der auch das Gesichtsfeld weitet, stieß sie auf die Aktion Sühnezeichen. Deren Anliegen, mit jungen Freiwilligen aus Deutschland in Ländern, die unter der NS-Herrschaft gelitten hatten, für Verständigung und Versöhnung einzutreten, habe sie beeindruckt, erzählt die junge Biaserin. Weil sie sich zudem für Geschichte interessiert und in diese Richtung auch studieren möchte, meldete sie sich bei Aktion Sühnezeichen an. "Da ich sechs Jahre Französisch bis zum Abitur hatte, war auch Frankreich als Einsatzgebiet naheliegend."

Nun wird es Oradour sur Glane werden, 200 Kilometer nordöstlich von Bordeaux. Der Name des Ortes steht für ein schlimmes Kriegsverbrechen, das Einheiten der Waffen SS-Division "Das Reich" am 10. Juni 1944 dort angerichtet hatten. Nur wenige Tage nach der Landung der Alliierten in der Normandie ermordete die 120-Mann starke 3. Kompanie des I. Bataillons des zur SS-Panzer-Division "Das Reich" gehörenden Panzergrenadier-Regiments "Der Führer" dort 642 Menschen. Ausgegeben als Vergeltungsaktion für Aktionen der französischen Widerstandsorganisation Resistance diente der Massenmord als Abschreckung. Fast alle Einwohner wurden getötet. Die Männer aus dem Ort wurden erschossen. Frauen und Kinder wurden in der Kirche zusammengetrieben und eingesperrt. Dann wurde die Kirche angezündet. Von den Toten waren nur noch 52 zu identifizieren. Unter ihnen befanden sich 207 Kinder und 254 Frauen. Nur sechs Menschen überlebten das Massaker.
In der BRD wurde für das Verbrechen niemand strafrechtlich zur Verantwortung gezogen. In der DDR wurde Mitte der 70er Jahre ein betei-ligter SS-Obersturmbannführer ermittelt und zu lebenslanger Haft verurteilt. 1997 wurde er aus der Haft entlassen. Nach Protesten wurde ihm eine Kriegsopferrente wieder entzogen. Er verstarb 2007.
"Der französische Staat hat gleich nach dem Krieg beschlossen, Oradour sur Glane nicht wieder aufzubauen, sondern als Ruinendorf und Mahnmal zu erhalten", hat sich Annemarie Niemann über ihren Einsatzort im Friedensdienst schon schlau gemacht. "Derzeit frische ich mein Französisch auf."
Anfang September wird sie beim ASF in Berlin in einem Seminar genau unterrichtet und eingewiesen. Dann geht es nach Frankreich. Finanziert wird der Freiwilligeneinsatz zum größten Teil über Aktion Sühnezeichen sowie über die Gedenkstätte in Oradour sur Glane. Einen kleinen Beitrag leistet die Freiwillige selbst. Sie muss 15 Förderer für sich werben, die jeder für ein Jahr 144 Euro (als monatlicher Beitrag von 12 Euro) beisteuern. "Ich habe sie fast alle zusammen. Bis Sonntag muss ich es schaffen", ist Annemarie Niemann froh und zuversichtlich, dass sie schon so viele Unterstützer ihres Anliegens gefunden hat und auch noch das fehlende Quentchen schafft.
Am Mahnmal in Oradour sur Glane wird sie Besucher durch den Ruinenort führen und über die Geschehnisse von vor 66 Jahren informieren. Mit ihr wird noch ein junger Mann aus dem Ausland als Freiwilliger dort Friedensdienst leisten. "Er ist Österreicher und Kriegsdienstverweigerer."
Annemarie Niemann erwartet eine hochinteressante Zeit und ist auf die vielen Begegnungen und Gespräche gespannt. Was wird all dies mit ihr machen? Ist der Krieg für junge Menschen wie sie nicht weit, weit weg? "Nein, man muss sich doch nur in der Welt umschauen, etwa die Georgienkrise vor nicht allzulanger Zeit, wie schnell wird aus so etwas ein Krieg", ist sich Annemarie Niemann sicher, dass der Friedensdienst junger Deutscher von Bedeutung ist. Begegnung, Verständigung und Versöhnung seien auch deshalb wichtig, weil "nach wie vor von Generation zu Generation immer wieder Vorurteile weitergegeben werden. Das belastet die Gegenwart."

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Dokument erstellt am 30.07.2010 um 06:55:00 Uhr
Erscheinungsdatum 30.07.2010 | Ausgabe: zex

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