Andrea Eskau vom USC Magdeburg will bei den Paralympics in Vancouver Geschichte schreiben
Die mit der Konkurrenz jetzt Schlitten fährt...
Von Janette Beck

Andrea Eskau, Handbikerin vom USC Magdeburg, will 2010 bei den X. Paralympics in Vancouver Geschichte schreiben. Die Paralympics-Siegerin von Peking könnte die erste Sportlerin Deutschlands und eine der ganz wenigen weltweit sein, die sowohl bei den Sommer- als auch bei den Winterspielen der Behinderten eine Medaille gewinnt.
Magdeburg. Andrea Eskau ist nicht zu bremsen. Die durchtrainierte Powerfrau steckt nach einem körperlichen, mentalen und gesundheitlichen Tief wieder voller Energie und Tatendrang. Der Ehrgeiz, eineinhalb Jahre nach der Goldmedaille in Peking nun auch bei den Winter-Paralympics vom 12. bis 21. März kommenden Jahres Geschichte zu schreiben, treibt die gebürtige Apoldarin an.

Der Terminplan der Diplom-Psychologin, die vor einem Monat bei den Paracycling-Weltmeisterschaften in Italien gerade erst ihre Titel erfolgreich verteidigt hat, ist proppedickevoll. Meistens ziert ein großes " T " die Spalten auf den Seiten. T steht natürlich für Training, denn von nichts kommt nichts – auch und gerade im Behinderten-Leistungssport. " Egal, ob du nun Handbike auf der Straße fährst oder mit dem Rennschlitten auf Rollen oder Skiern unterwegs bist, dir wird nichts geschenkt, und die Konkurrenz ist gnadenlos ", hat Eskau erfahren.
Die seit einem Radunfall vor elf Jahren querschnittsgelähmte Frau weiß, wovon sie redet. Auch wenn sie davon spricht, dass " weniger manchmal mehr ist " und " der Spaß aufhört, wenn der Druck zu groß wird ".
Beides hat sie nach ihrem Gold-Coup erlebt, als sie zwei Monate schwerkrank im Bett lag, keiner so recht wusste, woher das in Peking erstmals aufgetretene extreme Asthma und die danach folgende schwere Kehlkopfentzündung kamen.
Andrea Eskau fiel in ein großes Loch : " Meine Motivation war am Boden. Die Rennen in Peking, die ich trotz gesundheitlicher Probleme nach der Devise Augen zu und durch gefahren bin, hatten mich so sehr geschlaucht, dass gar nichts mehr ging. Zeitweise hatte ich aufgrund der Atemprobleme sogar Todesängste. " Sie habe sich so sehr unter Druck gesetzt, dort gewinnen zu müssen, " dass ich hinterher kaum noch Spaß daran hatte zu trainieren. Der Akku war einfach leer ".
Wurzel des Übels war – das fanden Ärzte im Nachhinein heraus – ein massiver allergischer Schock, ausgelöst durch den Klebstoff, mit dem der Teppich im Zielbereich des Zeitfahrund Straßenrennens der Handbiker in Peking befestigt worden war. " Zeitweise hatte ich aufgrund des später diagnostizierten Asthmas nur noch 40 Prozent Atemumsatz. Das Problem haben wir aber inzwischen durch ein Medikament in den Griff bekommen, das eigentlich auf der Dopingliste steht und für das ich jetzt eine Sondererlaubnis habe ", klärt die Angestellte des Bundesinstituts für Sportwissenschaft in Bonn auf.
Die Lektion war bitter, und doch möchte die Paralympics-Siegerin " das Erlebnis Peking mit allen Höhen und Tiefen nicht missen ". Wohl auch, weil sie – wäre alles " normal " verlaufen – sich wohl kaum in zwei neue Abenteuer gestürzt hätte. Bei der Suche nach einer neuen Motivation und Herausforderung war Andrea Eskau nämlich auf zwei fixe Ideen gekommen.
Zum einen wollte sie das Sadler’s Alaska Challenge in Angriff nehmen – und setzte ihr Vorhaben im Juli auch um. Das 427 Kilometer lange Acht-Etappen-Rennen im Süden von Alaska, das mit seinen zu überwindenden 3500 Metern Höhenunterschied als das wohl längste und brutalste Rennen der Welt für amputierte und querschnittsgelähmte Ausdauersportler gilt, bewältigte Eskau im Handbike in 15 : 52 : 22 Stunden. Damit belegte sie am Ende Rang zwei. Auch wenn ihr Siegerin und Dauerrivalin Monique van der Vorst aus den Niederlanden den Vortritt lassen musste, so ist Eskau " dankbar für diese Grenzerfahrung " und stolz darauf, " die Tour de France der Handbiker " erfolgreich gemeistert zu haben.
Nicht weniger abenteuerlich wurde es, als sich die Behindertensportlerin in einen Rennschlitten setzte. " Das war eigentlich eine ziemlich spontane Aktion. Ich habe andere Handbike-Konkurrentinnen in einem Rennschlitten auf Rollski trainieren sehen, und da habe ich aus Quatsch gesagt : Das kann ich auch !"
Gesagt, getan.
Der erste Versuch fand im Mai auf einem Radweg in einem Schlitten auf Rollski statt. Und siehe da, so dumm stellte sich die experimentierfreudige Athletin gar nicht an. " Ein Großteil des Bewegungsablaufes ist ja auch dem beim Handbiking ähnlich, das machte mir den Einstieg leichter ", so Eskau, die " total viel Spaß " und sofort Blut geleckt hatte.
Von da an tauschte sie im Training zweimal in der Woche das Handbike gegen einen Rennschlitten ein, beherrschte ihren fahrbaren Untersatz immer besser und wurde so sicherer und schneller.
Nach einem " erstaunlich erfolgreichen " Test auf dem Laufband, " der sogar den Bundestrainer vom Hocker haute, weil ich auf Anhieb 6 Meter pro Sekunde fuhr und Zeiten erreichte, mit denen ich mich international messen konnte ", stand schließlich fest : Der Deutsche Behindertensportverband ( DBS ) beantragt für Eskau beim internationalen Paralympics-Komitee ( IPC ) eine Wildcard für die Behindertenspiele in Vancouver.

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Dokument erstellt am 10.10.2009 um 06:24:52 Uhr
Erscheinungsdatum 10.10.2009 | Ausgabe: mdx

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