09. Februar 2010


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Sachsen-Anhalt



Ausstellung über deportierte Kinder
Der letzte Blick aus Kinderaugen
Von Philipp Hoffmann

Magdeburg. " Geboren in Magdeburg, behütet in Schönebeck, ermordet in Auschwitz. " Drei Stationen von drei Magdeburger Kindern. Gesamtschüler aus der gleichen Stadt haben sie 70 Jahre später aufgeschrieben, auf knallroten Zetteln. Nun prangen diese auf einem Plakat im " Zug der Erinnerung ". Eine Frau sieht es sich an, lange, sehr lange. Sie hat Tränen in den Augen. Loni, Christella und Josef, die drei Magdeburger Kinder, wurden nicht einmal zehn Jahre alt.

Deportiert. Vielleicht in einem ähnlichen Waggon wie diesem. Es könnte gestern gewesen sein. Oder gerade in diesem Moment geschehen. Aus Lautsprechern erklingt das eintönige Rattern der Waggons. Dazu mischen sich Stimmen von Überlebenden, über eine Leinwand flackern schwarzweiße Filmaufnahmen. Es ist kalt, stickig, eng. Es ist beklemmend.


Vier Millionen Menschen wurden von den Nationalsozialisten auf dem Schienenweg deportiert. Die Strecken sind im Zug auf einer Karte rot eingezeichnet. Alle enden in einem großen roten Punkt : Auschwitz. Der Verein " Zug der Erinnerung " will mit seiner rollenden Ausstellung an die vielen Kinder aus ganz Europa erinnern, die in Auschwitz oder auf dem Weg dorthin starben. " Wenn wir auf den Fotos in ihre Gesichter blicken ", sagt Ute Schilde vom Verein, " dann sehen wir in ihren Blicken, was sie alles noch erleben wollten. "

An einer Wand hängt eine Postkarte. Ein niederländisches Mädchen hat sie aus dem Zug an ihre Freundin geschrieben : Sie freue sich auf das Wiedersehen in der Heimat. Es hat kein Wiedersehen gegeben.

Ein griechisches Mädchen lächelt schüchtern in die Kamera. Ein fesselnder Blick. Man ahnt, aber möchte nicht wissen, was auf dem Text darunter steht. Am nächsten Tag wurde das Mädchen deportiert.

Monique Metzner ist überwältigt. " Unglaublich, das alles ", sagt sie. Die Elftklässlerin vom Magdeburger Einstein-Gymnasium möchte nicht, dass irgendetwas davon vergessen wird. Deshalb hat sie sich gemeldet, um ehrenamtlich zwei Tage lang die Ausstellung in Magdeburg mitzubetreuen. Nun steht sie allein in dem Waggon mit all den Kinderschicksalen und bedankt sich für jede Münze, die in die Spendendose des Vereins wandert.

Zusammen mit dem Magdeburger Verein " Miteinander ", der die Ausstellung in die Landeshauptstadt holte, haben Schüler der Integrierten Gesamtschule " Willy Brandt " den lokalen Teil der Ausstellung gestaltet. Die Zehnt- und Elftklässler recherchierten in einer Projektwoche im Stadtarchiv und sprachen mit Zeitzeugen. Jetzt haben einige der toten Kinder wieder Namen.

Mit seiner Ausstellung will der Verein " Zug der Erinnerung " auch an die Rolle der Reichsbahn im Nationalsozialismus erinnern. Diese war, wie der Magdeburger Bürgermeister Rüdiger Koch betont, " ins System der Vernichtung eingebunden ". Und sie habe davon profitiert : Für jeden Deportierten habe sie zwei Pfennig pro Kilometer kassiert.

Die Bahn profitiert von der Erinnerung : Der Verein zahlt ihr 3, 50 Euro für jeden Kilometer, die der Ausstellungszug zurücklegt.

Durch den Zug hallen Wortfetzen auf Russisch. Mitglieder eines jüdischen Chores verharren vor einem Bild. Es zeigt die neunjährige Inge aus Leipzig kurz vor ihrer Deportation.

Jemand hat Blumen für sie abgelegt. Sie haben angefangen zu welken.




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Dokument erstellt am 17.11.2009 um 05:51:54 Uhr
Erscheinungsdatum 17.11.2009 | Ausgabe: mdx




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