Gardelegen l Zeitweise waren es weit über 10 000 Menschen, die während des Ersten Weltkrieges nur wenige Kilometer außerhalb von Gardelegen in einem Kriegsgefangenenlager nahe Zienau lebten. Kaum einem Gardeleger ist das so bewusst, wie es diese Ausstellung deutlich macht: Fotos und Fakten an zwei großen Tafeln sprechen mehr als tausend Worte. Zusammengestellt hat sie Anette Bernstein. Manche Fotos – viele hat übrigens der einstige Gardeleger Fotograf Emil Brockhaus gemacht – habe sie selbst gehabt, andere habe sie zusammengetragen, erzählt die Chefin des Kultur- und Denkmalpflegevereines.

Eindrucksvolle Bilder und Texte

Am Freitag nach der Gedenkveranstaltung anlässlich der Umbettung von mehr als 200 Kriegsgefangenen und Gefallenen aus beiden Weltkriegen zeigte sie sie erstmals der Öffentlichkeit. So mancher, auch der ausländischen Gäste aus Russland und Frankreich, ließ sich von den eindrucksvollen Bildern in den Bann ziehen.

Etliche Fakten zum Lager hatte zuvor schon Hans-Joachim Becker, Vorsitzender des Kreisverbandes der Deutschen Kriegsgräberfürsorge, in seiner Ansprache auf dem Friedhof genannt. So habe das Lager in Zienau eine Kapazität von 10 000 Plätzen gehabt, bezifferte er. Schon im Oktober 1914 war es allerdings voll. Bis zum Ende des ersten Kriegsjahres starben 79 Insassen. Sie waren zunächst auf dem Gardeleger Friedhof bestattet worden, von Kriegsgefangenen wurde dann das nun wieder restaurierte Monument mit dem Steinsoldaten - der Stein dafür war aus Frankreich geliefert worden - auf dem Friedhof aufgestellt.

Bilder

Gefangene als billige Arbeitskräfte

Teilweise seien bis zu 12 000 Menschen und mehr in Zienau untergebracht gewesen, so Becker. Doch die Menschen saßen nicht nur im Lager, „sie waren billige Arbeitskräfte, ohne deren Einsatz bestimmte Bereiche wie Forst- und Landwirtschaft und die Nahrungsproduktion zum Erliegen gekommen wären.“

Im Februar 1915 war im Lager die Flecktyphus-Erkrankung ausgebrochen, die binnen weniger Wochen 179 Opfer forderte. In Zienau wurde daraufhin ein Friedhof angelegt, auf dem es insgesamt 425 Bestattungen gegeben habe, so Becker. Während viele englische, belgische und italienische Familien ihre Toten nach Kriegsende nach Hause holten, um ihnen dort eine letzte Ruhestätte zu geben, verblieben viele Soldaten aus Osteuropa in Zienau. Bis 1945 war das Gelände noch gepflegt worden, dann sei es verfallen. Auch dank der Ausstellung von Annette Bernstein können sich nun Interessierte ein gutes Bild davon machen, wie es einst in dem Lager zuging.

Am Freitag wurde dieses Bild allerdings auch noch durch einige Fundstücke von Umbetter Joachim Kozlowski ergänzt. So wurden den Besuchern jahrhundertealte Erkennungsmarken und sogar Schmuck präsentiert. Obwohl bei Umbettungen mit großer Technik gearbeitet werde, gehe nur selten etwas verloren, versicherte Kozlowski. Dafür sorgten Metalldetektoren, und „manchmal wird die Erde aus einem Grab sogar komplett gesiebt.“ Die Fundstücke aus den Gräbern dürfen allerdings nicht in Gardelegen bleiben. Sie werden zentral in Berlin archiviert. Die mobile Bilderausstellung wird Anette Bernstein allerdings aufbewahren. Sie könnte künftig wohl für manche Schulklasse oder Touristengruppe zu einem besonders interessanten Infomedium werden.