Magdeburg  Die Enttäuschung ist groß, wenn die monatelangen Vorbereitungen und Proben für eine so opulent ausgestattete Operette wie „Pariser Leben“ von Jaques Offenbach, bei der das gesamte Ensemble auf dieses Premierenereignis hinarbeitet, von einem auf den anderen Tag abgesetzt wird. Das bedeutet für die Künstler, sich neu zu motivieren und der Operette, die voller Lebensfreude und skurriler Ausschweifungen steckt, auch nach den schrecklichen Ereignissen Leichtigkeit und Unbefangenheit zu verleihen. Ein scheinbar unmögliches Unterfangen.

Höchst lebendiges Stück

Dennoch ist es gelungen, obwohl auch in anderer Hinsicht die Premiere offenbar unter keinem guten Stern stand. So erkrankte der Tenor Markus Liske, seit 2008 eine feste Größe im Magdeburger Opern- ensemble, der die Doppelrolle des reichen Brasilianers und des Prosper besetzt.

Für ihn sprang faktisch über Nacht Andrés Felipe Orozco vom Theater Neustrelitz ein. Der lyrische Tenor aus Kolumbien sang und spielte die Rolle des Brasilianers, obwohl er ohne Proben in die Rolle schlüpfen musste, mit höchster Professionalität. Allerdings musste er den Prosper vom Bühnenrand vom Blatt singen, weil es in der Kürze der Zeit nicht mehr möglich war, auch diese zweite Rolle noch zu lernen.

Das war die große Stunde für Regieassistentin Barbara Schöne, die in die Männerrolle schlüpfte und mit der Stimme von Andrés Filipe Orozco die Figur des Prosper gab.

Dass trotz dieser vielen Widrigkeiten das „Pariser Leben“ ein höchst lebendiges, unterhaltsames Stück mit einer Fülle wunderschöner Kostüme und knisternder Erotik wurde, lag nicht nur an dem Stoff mit seinen zahllosen Irrungen und Wirrungen. Es war vor allem die unbändige Spielfreude aller Akteure und die wunderschöne, eingängige Musik von Jaques Offenbach, der als der Begründer des Genres Operette gilt.

Das Geschehen in dem Stück spielt in der Weltstadt Paris, wo das Leben schneller pulsiert als irgendwo anders auf der Erde. Die Weltausstellung von 1867 wird vorbereitet, und Jaques Offenbach feiert mit der Uraufführung seiner Operette 1866 im Théâtre du Palais-Royal in Paris einen triumphalen Erfolg.

Es ist das erste Mal, dass in der Operette die reale Gegenwart mit all ihren Widersprüchen, die durch eine Art Rausch voll Lebensgier geprägt ist, im Mittelpunkt steht. Die Handlung ist eher banal. Der erfolglose Modeschöpfer Raoul de Gardefeu (Johannes Wollrab) und sein ebenso wenig erfolgreicher Kollege Bobinet (Philippe Clark Hall) hängen einer Affäre mit der bezaubernden Métella nach, die von Sylvia Rena Ziegler in einer stimmlich wie optisch außerordentlich verführerischen Glanzrolle besetzt ist. Diese hat jedoch ein neues Opfer und andere Pläne, so dass die beiden beschließen, die schwedische Baronin und den Baron von Gondremarck, die auf sehr unterschiedliche Weise das Pariser Leben genießen wollen, in die besseren Kreise der Gesellschaft einzuführen, um sie zu verführen.

Die Baronin, von Christine Buffle als Gast sehr überzeugend in ihrer Ambivalenz von Sehnsucht nach dem süßen Leben und der Erkenntnis der Realität gespielt und gesungen, gehört ebenso wie Manfred Wulfert als Baron zu den herausragenden Solisten. Nicht zu übersehen sind Julie Martin du Theil als die reizvolle Handschuhmacherin Gabrielle, die wie immer bestens aufgelegte Kammersängerin Ute Bachmaier und natürlich der Schauspieler Peter Wittig, der inzwischen vom Ensemble des Schauspielhauses ins Opernhaus gewechselt ist.

Von Bergjodeln bis Can Can

Musikalisch hat Hermann Dukek die Musiker der Magdeburgischen Philharmonie bestens eingestellt. Sie hatten offenbar sehr viel Freude an den mitreißenden Melodien, die vom Bergjodeln bis zum reizvollen Can Can reichten. Dabei haben sich erneut der Magdeburger Opernchor unter der Leitung von Martin Wagner und das Ballett des Opernhauses als unersetzlich erwiesen.

Sehr geschickt hat Ausstatter Heinz Hauser das Geschehen auf der Bühne mit einer Lichtleiste „gerahmt“. Auf diese Weise wird deutlich, dass es sich immer nur um einen Ausschnitt, einen Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit handelt. Das macht genau die Aktualität des Geschehens aus, die Regisseur Michael Wallner um rund 150 Jahre in die Jetztzeit verlegt hat. Das ist insofern logisch, weil die Jagd nach Geld, Macht und Ruhm, der Rausch nach Zerstreuung und die Oberflächlichkeit zeitlos sind.

Das „Pariser Leben“ bietet alles, was einen wunderschönen Operettenabend ausmacht und zusätzlich sogar noch eine Portion Nachdenklichkeit.