Stendal l Ein stämmiger Mann mit Glatze wirft einem Jugendlichen, der vermutlich nicht mal halb so alt ist wie er, wild Beleidigungen an den Kopf, deutet sogar an, zuzuschlagen. Der Junge hält sich zurück, bleibt auf Abstand, will die Situation nicht verschlimmern. Währenddessen steht ein Raum voller Erwachsener untätig daneben, amüsiert sich teilweise sogar über die Situation.

In diesem Fall war allerdings kein Eingreifen nötig, denn es handelte sich lediglich um eine Vorführung der Methoden, mit denen Eskalationen in ähnlichen Lagen verhindert werden sollen – anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums des Trainings in Stendal. Der Moment mag nur gespielt gewesen sein, einen starken Eindruck hat er aber trotzdem hinterlassen – spätestens, als einer der beiden Teilnehmer Justizministerin Anne-Marie Keding allein durch sein Herantreten an sie zurückschrecken ließ.

Rollenspiele und Eigenreflektionen

Rollenspiele wie diese werden jeden Donnerstag veranstaltet, als Teil eines Anti-Aggressions-Trainings (kurz AAT), das Anfang Mai sein zwanzigjähriges Jubiläum feierte. Zur Gründung 1999 erklärte die damalige Justizministerin Karin Schubert: „Wenn auch nur ein Gewalttäter nicht mehr zuschlägt, war das schon ein großer Erfolg.“

Diese Vorgabe wurde wohl mehr als erfüllt, wie Martin Hein in seiner Rede feststellte. Der Vorstandsvorsitzende des Arbeitskreises Prävention / Kinder- und Jugendkriminalität sprach von einer Erfolgsrate von 72 Prozent an Jugendlichen, die nach der Behandlung lange Zeit nicht mehr durch Gewaltdelikte auffielen – ein Wert, der sich mit ähnlichen Angeboten in ganz Europa messen kann.

Die Betreuung der Jugendlichen übernimmt seit 2006 Thomas Lohan, liebevoll auch bezeichnet als „Mann aus Stahl“. Der Gewaltpräventionstrainer hilft den Kursteilnehmern, ihre Aggressionen zu steuern und Konflikte dadurch diplomatischer zu lösen. Als Vorlage dienen dabei Entwürfe des Kriminologen Jürgen Weidner und des Diplom-Psychologen Andreas Dutschmann.

Zu den angewandten Methoden gehört unter anderem eine Reflektion über die vergangene Woche, in der die Teilnehmer sich sowohl an Rückfälle als auch an persönliche Erfolge erinnern. Auch praktische Übungen und Rollenspiele gehören dazu.

Seinen Lehrstil beschreibt Lohan als flexibel, und achtet darauf, dass sich seine Schüler wertgeschätzt fühlen. Dennoch gelten immer klare Regeln – in beide Richtungen, so können die Jugendlichen notfalls auch aus Unterrichtssituationen aussteigen, sollten sie sich überfordert fühlen.

Aggressionstraining aus Eigenantrieb

Dass jemand sich beim AAT einschreibt, kann verschiedene Gründe haben. Einige davon wurden auch zusammen mit einer Bild-Collage an den Wänden des Jubiläumssaals aufgeführt: Zum Beispiel erfolgt die Teilnahme aufgrund einer gerichtlichen Verordnung, oder, weil die Bereitschaft dazu für leichtere Strafen sorgen kann. Andere wurden von Eltern oder ihrer Schule dazu veranlasst, oder sie nehmen aus eigenem Antrieb teil.

Meist bewegen sie sich im Alter zwischen 14 und 18, die Reichweite hat sich laut Lohan aber schon vergrößert. Mittlerweile kann es schon bei 12 Jahren losgehen, ältere Teilnehmer bis 20 sind teilweise auch dabei. Eine weitere Änderung in seiner Zeit als Betreuer ist zudem die Anwendung psychologischer Diagnosen.

Als Anschauungsbeispiel brachte Lohan einen seiner Schützlinge mit: Niklas, Kursteilnehmer seit März dieses Jahres. Auch seine Teilnahme wurde aufgrund einer Straftat verordnet, mittlerweile ist er aber aus freien Stücken dabei und spricht schon von merklichen Erfolgen in seinem Alltag, in dem er bei Schwierigkeiten keine Gewalt mehr als ersten Lösungsansatz sieht.

Die Teilnehmer des AAT treffen sich jeden Donnerstag von 16.30 Uhr bis 19.30 Uhr im Jugendfreizeitzentrum „Mitte“. In der Regel sind 25 wöchentliche Trainingseinheiten zu je drei Stunden für das Training angesetzt. Die Teilnahme kann freiwillig erfolgen und ist kostenlos, der Einstieg ist jederzeit möglich. Weitere Infos gibt es beim Arbeitskreis Prävention / Kinder- und Jugendkriminalität unter der Telefonnummer 03931/ 589 84 23.