Salzwedel l Die mehr als 120 Besucher, die zur Ausstellungseröffnung „Die Eispferde vom Ladoga-See“ gekommen sind, haben sich vorsorglich gut eingepackt, manche wärmen sich mit einem Glühwein auf. Doch die Temperaturen sind nichts im Vergleich zum Winter 1941, als deutsche Truppen Leningrad belagerten. „Minus 40 Grad“ waren es damals, erzählt Karl-Heinz Reck, einer der Organisatoren der Ausstellung.

1941: Finnische Truppen schließen ein russisches Regiment ein, das Pferde zum Waffentransport nutzt. Die Finnen setzen die Wälder in Brand, tausend verängstigte Pferde galoppieren in Panik in den Ladoga-See. Sie erfrieren in der Nacht.

Diese Geschichte hat der schwedische Künstler André Prah zum Anlass genommen, das Schicksal der Pferde gestalterisch umzusetzen. Das Material dazu fand er an den Ufern der Ostsee – Wurzeln abgestorbener Bäume und Äste. Innerhalb von fünf Jahren hat er rund 500 dieser Eispferde geschaffen, etwa 60 davon sind noch bis Ende Januar in der Mönchskirche zu sehen.

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„Ich bin ein Kind des Zweiten Weltkrieges“, erzählt Prah. Und auch seine Intention, die er mit seinem künstlerischen Schaffen verbindet. „Da ringsum Nazi-Ideologie erneut Brände entfachen will, halte ich es für meine Pflicht, die Pferde und ihren brutalen Tod zu zeigen.“ Das ist ihm auf beeindruckende Weise gelungen.

„Kriege sind die Hauptgründe für das größte menschliche Leid“, macht Reck in seiner Einleitung deutlich. Deshalb müssen die Menschen ihre Stimme gegen den Krieg erheben, ihn brandmarken. Eine Ansicht, die Nikolaj Awramow, Erster Sekretär in der Botschaft der Russischen Föderation in Berlin, in seinem Grußwort teilt. Die Leningrader Blockade bedeute ein „ungeheures Ausmaß menschlichen Leids“. Deshalb mahne die Ausstellung, „dass wir nichts vergessen, sondern uns immer wieder daran erinnern“.

Mit Blick auf die Historie sei der Mensch eine Symbiose mit den Pferden eingegangen. Trotzdem sei das Pferd eine der am meisten misshandelten Kreaturen. Vom geflügelten Pferd Pegasus der Poeten, als Landeswappen bis hin zum Schlachtross. Der Mensch opfere die Tiere seiner „Mordmaschinerie“. Die Eispferde André Prahs, aus totem Holz geschaffen, machten unmittelbar betroffen und zeigen, „dass hier unsere Sehnsucht nach Frieden künstlerische Gestalt angenommen hat“.

Die Eispferde verkörpern auf plastische Weise die Gräuel des Krieges in einer Eindringlichkeit, die unter die Haut geht. Und sie demonstrieren die Kaltblütigkeit und Brutalität von Menschen sowie deren Unberechenbarkeit.

Für die musikalische Umrahmung war Johannes Ammon verantwortlich. Ihm gelang es mit seinen Stahl-In- strumenten, ein Schlachtgetöse zu intonieren, das den Krieg in die Mönchskirche brachte. Dadurch verstärkte sich noch der Eindruck der unwahrscheinlichen Gewalt und der damit verbundenen Panik von Pferd und Mensch. Denn bei der Belagerung Leningrads starben rund 1,5 Millionen Menschen. Die meisten davon starben nicht im Kampf, sondern erfroren oder verhungerten jämmerlich.