Stuttgart (dpa/tmn) - Sie war das falsche Auto zur falschen Zeit: Als Mercedes im Frühjahr 1991 das Tuch von der neuen S-Klasse der Generation W 140 zog, waren Glanz und Gloria irgendwie von gestern.

Denn den Deutschen war langsam klar, dass die frisch erlangte Einheit ein teures Vergnügen werden könnte, die Sorgen ums Klima wurden immer konkreter, und mit dem zweiten Golfkrieg wuchs die Angst um die Endlichkeit des Öls. Ein protziger Panzer für Promis und Politiker wollte da nicht so recht ins Bild passen.

Viel Kritik in der Heimat

Während im Ausland laut geklatscht wurde über den Mercedes, hagelte es vor allem in der Heimat reichlich Kritik. Als dann noch herauskam, dass die bis zu 5,21 Meter lange Limousine mit ihren 1,89 Metern zu breit war für den Autozug nach Sylt, kam noch jede Menge Spott dazu.

Zwar waren die technischen Qualitäten für das laut dem damaligen Cheftechniker Wolfgang Peter "größte Pkw-Projekt, das Mercedes-Benz je unternommen hat", unbenommen. Die Zeitschrift "Auto, Motor und Sport" schrieb damals vom "besten Auto der Welt". Doch geißelte die "taz" die Limousine als "Ausgeburt von Ingenieurswahn und Klimakiller-Instinkt". "Der Spiegel" überschrieb seine Neuvorstellung mit Blick auf sechs Zentner Gewichtszunahme und einen Waagenstand von 2,2 Tonnen mit "schon sauschwer".

Viele fühlen sich beim W 140 an den Kanzler jener Zeit erinnert. Nicht nur, weil natürlich auch Helmut Kohl in dem Mercedes-Flaggschiff chauffiert wurde. Sondern auch, weil die S-Klasse wie der Politiker vielfach als bodenständig und behäbig, als aus der Zeit gefallen und als "der Dicke" geschmäht wurde.

Peilstäbe für bessere Übersicht

Doch genau wie der Kanzler der Einheit, der das Land 16 Jahre führte, hatte auch der W 140 einen langen Atem. Gebaut wurde er zwar nur bis 1998, als auch Kohl sein Amt abgab. Aber vor allem im Osten bestehen viele der rund 400.000 Exemplare bis heute als Luxuslimousine weiter.

So laut die Kritik an der S-Klasse auch gewesen sein mag - spätestens am Steuer ist der Ärger vergessen. Damals halfen gegen die Überbreite die einklappbaren Außenspiegel und die Peilstäbe, die pneumatisch binnen zwei Sekunden nach Einlegen des Rückwärtsgangs aus den hintern Kotflügeln ausgefahren wurden. Und heute wirkt der W 140 verglichen mit so manchem SUV fast schon zierlich.

Sobald sich die schweren Türen auf Wunsch automatisch zuziehen, ist man ohnehin unterwegs in seiner eigenen Welt - ein Eindruck, der vom Design noch gestützt wird. Denn wo Mercedes heute auf fließende Linien setzt, wirkt die S-Klasse der 1990er mehr denn je wie eine Kapsel mit angesetztem Bug und Kofferraum.

In dieser Kapsel verschwindet die Umwelt hinter einer dicken Lage Luxus. Zum ersten Mal gibt es in der S-Klasse eine Doppelverglasung, die eine enorme Ruhe beim Reisen garantiert. Zentralverriegelung und elektrische Fensterheber waren erstmals Standard. Und warum selbst Hand anlegen, wenn auch auf Knopfdruck Gardinen und ein Rollo vor der Heckscheibe für Privatsphäre sorgen und verstellbare sowie beheizte Einzelsitze in der zweiten Reihe den Komfort maximieren sollen? Kein Wunder, dass bis zu 60 Elektromotoren in dem Mercedes verbaut wurden.

Luxusliner zum Low-Budget-Tarif

Zum Start gab es laut Mercedes Classic-Sprecher Ralph Wagenknecht zunächst vier Motoren von 210 kW/286 PS bis zu einem Zwölfzylinder mit sechs Litern Hubraum und 300 kW/408 PS. Von 1992 an kam ein Turbodiesel mit gerade mal 110 kW/150 PS noch hinzu, außerdem folgte ein 2,8-Liter-Sechszylinder-Benziner mit 142 kW/193 PS.

30 Jahre nach dem Start ist Daimlers dickes Ding bei den Sammlern aber noch nicht so recht angekommen, sagt Frank Wilke vom Marktbeobachter Classic Analytics in Bochum. Erstens, weil Limousinen lange nicht so sexy seien wie Coupés oder Cabrios. Und zweitens, weil der W 140 bereits über so viel damals moderne Elektronik verfügte, dass er Bastler abschreckt. Das Auto wird laut Wilke mit sechs oder acht Zylindern im Zustand 2 für deutlich unter 15.000 Euro gehandelt.

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