Schönhausen l  Denn der Libanon ist seine Heimat, hier leben seine drei Brüder, zwei Schwestern und weitere Verwandte.

Mit Sorgenfalten auf der Stirn sitzt der 57-Jährige schon früh morgens vor Arbeitsbeginn und dann noch einmal spät Abends vor dem Fernseher. Am liebsten würde er gleich wieder abschalten. Denn das, was der arabische Nachrichtensender Al Jazeera sendet, sind keine guten Nachrichten. Fast täglich steht der Schönhauser, dem das Stendaler Steakhaus „Mendoza“ gehört, telefonisch in Kontakt zu seinen Geschwistern. Ihnen gilt auch der erste Anruf, den er am Dienstag vergangener Woche tätigt, also er die Bilder von der furchtbaren Explosion im Beiruter Hafen sieht. „Ich kam gerade nach Hause und habe wie immer Al Jazeera eingeschaltet. Brennende Häuser, Tote und Verletzte, Chaos pur – ich war geschockt und konnte gar nicht glauben, was ich da sah.“

Geschwistern geht es gut

Er ruft als erstes seinen ältesten Bruder an. Der gibt Entwarnung: Der Familie ist nichts passiert! Sie lebt in der 90 Kilometer von Beirut entfernten Stadt Tripoli, wo auch Issam Salamoun aufgewachsen ist. Ausgerechnet am Tag der Explosion besuchten die drei Brüder anlässlich des Opferfestes das erste Mal nach langer coronabedingter Pause die Tante in Beirut. Gerade haben sie die Stadt, die sie mit dem Auto durchquerten, wieder verlassen, als die Explosion alles erschüttert.

Glücklicherweise gehen im Haus der Tante durch die Druckwelle nur die Fensterscheiben zu Bruch. „Was für ein Glück!“ ist Issam Salamoun zwar erleichtert, aber dennoch erschüttert, wenn er an die Opfer denkt. Und an die Folgen für das Land. „Den Menschen im Libanon geht es schlecht, schon immer. Corona hat die Lage noch verschärft. Nun die Explosion und die zu Recht auf die Regierung wütenden Menschen. Die Wirtschaft liegt am Boden. Alles ist zerstört, es gibt nicht mal genug zu Essen, Fleisch ist unbezahlbar geworden. Beirut war so eine quirlige, lebendige, liebenswerte Stadt – alles zunichte! Wie soll es bloß weitergehen? Das Land braucht dringend eine neue Regierung!“

Warten auf die nächste Reise

Die internationale Hilfe ist wichtig. Auch der Schönhauser unterstützt seine Familie – schon immer. Denn zweimal im Jahr fliegt er rüber nach Tripoli, verbringt Zeit mit den Geschwistern, Onkeln und Tanten. Der nächste Besuch steht allerdings in den Sternen, Corona durchkreuzt alle Reisepläne, „ich muss mich gedulden und mich mit Telefonaten und den Fernsehbildern begnügen“.

Die Lage in der Heimat überschattet die Freude darüber, dass er sein „Mendoza“ nach der Corona-Pause wieder öffnen durfte und das Haus sehr gut läuft – nicht zuletzt wegen seiner herzlichen Gastfreundschaft. Selbst während der Schließzeit ist er nicht zu Hause geblieben, war jeden Tag vor Ort, hat renoviert und dann Hygienekonzepte für die Wiedereröffnung erstellt.

1982 in die DDR

Immer wieder gehen die Gedanken zurück in den Libanon. Er ist gerade 19 Jahre alt, als er die Chance erhält, als Student in die DDR zu kommen. Das war 1982. Erst für ein paar Monate nach Dresden, um Deutsch zu lernen. Dann vier Jahre Studium zum Nachrichtentechniker in Schwerin.

Geplant ist eigentlich, danach in die Heimat zurück zu kehren. Aber der stets gut gelaunte Issam lernt Kerstin aus Schönhausen kennen. Und lieben. Einfach ist diese Liebe zwischen der Deutschen und dem Libanesen anfangs nicht. Aber die beiden stellen sich allen Herausforderungen und beweisen, dass das Aufeinandertreffen der unterschiedlichen Kulturen klappt. Schnell erobert Issam die Herzen der Skeptiker.

Er zieht zu Kerstin nach Schönhausen. Sie heiraten, bekommen zwei Töchter – Samira und Rasmie. Die Arbeit bei einer örtlichen Baufirma allein reicht dem fleißigen Mann nicht. Mit der Eröffnung von „Issams arabischem Spezialitätenrestaurant“ Mitte der 90-er Jahre in einer Baracke am Fuße der Schönhauser Kirche erfüllt er sich einen lang gehegten Traum. Er steht in der Küche und begeistert die Gäste mit Gerichten aus der Heimat. 2006 schließt die Baufirma, die ihm auch das Gasthaus vermietet hat. Issam fasst den Entschluss, mit einem neuen Restaurant richtig durchzustarten: Er kauft ein leerstehendes Haus am Stendaler Sperlingsberg, richtet es her und eröffnet es ein Jahr später.

„Ich bin froh und dankbar, dass ich hier in Deutschland leben und arbeiten kann. Es ist ein großes Glück und das Beste, was mir passieren konnte. Ich fühle mich wohl in Schönhausen und Stendal.“

Alles wäre perfekt, wenn nicht die Sorge um die Heimat wäre ...