Berlin (dpa/tmn) - Die Digitalisierung der Arbeitswelt bringt immer wieder Trends hervor, die dem Stichwort "New Work" (neues Arbeiten) zugeschrieben werden. Einer davon ist das Design Thinking, bei dem es darum geht, Denkweisen aus gestalterischen Berufen zu übernehmen. Mit dem Ziel, systematisch kreative Ideen und innovative Produkte zu produzieren.

Inwiefern denken Designer aber anders? An der School of Design Thinking im Hasso-Plattner-Institut in Potsdam wird daran geforscht. Leiter Prof. Uli Weinberg sieht zwei wesentliche Gründe: Erstens hätten Designer sich schon immer stark mit Produkten, Services und deren Nutzern beschäftigt, wobei sie den Menschen in den Fokus rücken.

Zweitens hätten Designer seit jeher mit Prototypen gearbeitet und diese mit Nutzern getestet, bevor sie in die Entwicklung gingen. Ihr Arbeitsprozess liefe also nicht geradlinig, sondern in iterativen Schleifen ab. Dabei wären Fehler zulässig und sogar zielführend, um konzeptionelle Schwächen noch vor den Produktionsphase auszumerzen. Bei der Entwicklung von Lösungen nutzen sie außerdem nicht nur Sprache und Zahlen, sondern auch andere Hirnkapazitäten.

Auf diesen Ansätzen baut laut Weinberg das Design Thinking auf. So eignet es sich für alle, die mit Fragen der digitalen Transformation beschäftigt sind. Für sie beginnt mit Design Thinking eine Auseinandersetzung damit, wie die eigenen Arbeitsräume Kreativität und Zusammenarbeit im Team begünstigen statt versperren, und wie Teamerfolg über Einzelleistungen gestellt werden kann. Aber auch damit, wie Produkte entwickelt werden, die Nutzer wirklich brauchen.

Design Thinking in der Praxis

Heute wird Design Thinking in zahlreichen deutschen Konzernen und Start-ups angewendet, um komplexe Probleme kreativ zu lösen. Dabei hilft zum Beispiel die Berliner Management-Trainerin Jessica Di Bella. In ihren Workshops bringt sie Geschäftsleuten Innovationstechniken bei.

Ihr Design-Thinking-Prozess folgt verschiedenen Phasen. Er beginnt mit dem Verstehen und Beobachten der Nutzer sowie deren Problemen und Bedürfnissen. Aus den gewonnenen Erkenntnissen werden Ideen generiert, von denen manche zur Entwicklung eines Prototyps führen. Dieser wird immer wieder mit den Nutzern selbst getestet und verbessert, um das ideale Produkt oder die ideale Dienstleistung zu schaffen. Inspiration dafür könne und dürfe von überall hergenommen werden, da man als schaffender Mensch tätig werde.

Nachteile sieht Di Bella in der Methode des Design Thinking selbst nicht. Dennoch braucht es nach der Anwendung immer eine Wirtschaftlichkeitsanalyse. Für den Prozess selbst müssen Zeit und Ressourcen investiert werden: "Man braucht ein Commitment des Managements und es muss mindestens zwei Tage und ein Team mit vier bis sechs Leuten bereitgestellt werden, um sinnvoll arbeiten zu können."

Design Thinking als universeller Problemlöser?

Design Thinking hat nicht nur Verfechter. Das universelle Problemlösungsversprechen stößt manchen auf, vor allem aus dem Designbereich selbst, erklärt Tim Seitz, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der TU Berlin. Er hat Design Thinking soziologisch untersucht und unterscheidet es als Methode von einer allgemeinen Designer-Denkweise.

Er weist darauf hin, dass Design Thinking im Rahmen von klar abgegrenzten Workshops stattfinde und nicht jedes Problem sich unbedingt für Design Thinking anbiete. Es müsse zuerst mal klar werden, ob der eigene Bereich überhaupt Innovationsnot hat. Auch im Verständnis von Problemen sollte Klarheit herrschen, da sie sonst soweit vereinfacht würden, bis sie gelöst werden können.

Design Thinking verspreche eine schöpferische, spielerische und hierarchiefreie neue Arbeitskultur. Dass bald alle nur noch schöpferisch arbeiten, könne man aber nicht erwarten. Dennoch sieht Seitz das, was als "Neues Arbeiten" diskutiert wird, im Design Thinking "ein Stück weit verwirklicht".

Literatur:

Tim Seitz: Design Thinking und der neue Geist des Kapitalismus: Soziologische Betrachtungen einer Innovationskultur, transcript Verlag, 2017, 140 S., 24.99 Euro, ISBN-13: 978-3-8376-3963-6.

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Webseite Jessica Di Bella

HPI School of Design Thinking

   

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