Berlin (dpa) - Zou Lei hat es nicht grundlos nach New York verschlagen: Sie wollte nie wieder verhaftet werden. Sie wollte dort sein, wo jeder so illegal wie sie selbst war und in der Menge verschwand und den Kopf einzog, schreibt der amerikanische Schriftsteller Atticus Lish in seinem Roman Die Vorbereitung auf das nächste Leben.

Der Titel zitiert einen Sinnspruch, der über dem Eingang einer Moschee steht, die Zou Lei in New York irgendwann besucht - auf der Suche nach einer Lösung ihrer Probleme als illegale Einwanderin.

Die zweite Hauptfigur des Romans ist der Veteran Brad Skinner. Er ist gerade zum dritten Mal aus dem Irak zurückgekommen und sucht in New York nach der Lust am Leben. Er klammert sich an die Idee, dass sie schon wieder kommen würde, wenn er nur ordentlich einen draufmachte. Und so streunt er ziellos durch die Stadt, von einer Bar in den nächsten Strip-Club. Vertrinkt seine Dollars aus der Gefahrenzulage. Raucht Tabak und Gras. Mit Schmerztabletten und Red Bull hält er sich am Laufen, mit Schlaftabletten kommt er zur Ruhe.

Auf einem seiner ziellosen Streifzüge durch die Stadt verirrt er sich auf der Suche nach einer erotischen Massage in einem abbruchreifen Haus, das teils Karaoke-Bar, 99-Cent-Laden und Nudelküche ist. Dort trifft er Zou Lei. Sie, die Tochter eines Soldaten, ist fasziniert davon, dass er in der Armee war. Sie zeigt ihm perfekte Liegestütze, er führt seine Muskeln vor. Sie verabreden ein Wiedersehen.

Dann laufen sie gemeinsam durch die Stadt, ohne festes Ziel. Ihre Liebesgeschichte spielt in abgelegenen Fastfood-Restaurants, in einer untervermieteten Kellerwohnung zwischen Pizzaschachteln, Fitnesszeitschriften und Porno-Heften, in den chinesischen Garküchen, in denen Zou Lei arbeitet.

Sie sucht immer weiter nach besseren Jobs, träumt von einem Leben mit Skinner. Einem freien Leben, in dem sie beide als Handelsleute durchs Land reisen. Zou Lei hat es klar vor Augen: Sie würden Messer in Lederscheiden tragen und Cowboyhüte und auf Pferden über das sonnige Land reiten, außerhalb der Reichweite aller Behörden. Er kommt immer weniger mit seinen Kriegserlebnissen klar, verfällt dem Alkohol, behandelt seine Freundin schlecht.

In den USA landete der Roman auf mehreren Bestsellerlisten. Die Kritiken überschlugen sich. Das ist vielleicht die schönste und unsentimentalste Liebesgeschichte dieses Jahrzehnts schrieb die New York Times; dieser Roman ist nicht weniger als ein Triumph, hieß es in der Financial Times.

Das Leben seiner Romanfiguren ist Lish, der 1971 geboren wurde, nicht fremd. Der Biographie auf der Verlagsseite zufolge hat er wie Zou Lei verschiedenste Jobs hinter sich: in einer Styropor-Fabrik, auf dem Bau, bei einem Umzugsunternehmen, als Wachmann, als Verkäufer in einem Fastfood-Restaurant sowie im Telefonmarketing. Wie Skinner war er Soldat. Allerdings nur kurz und noch vor dem 11. September. Lish ist außerdem Übersetzer aus dem Chinesischen. Als Englischlehrer verbrachte er eine Zeit in China und bereiste das Gebiet der Uiguren. Heute lebt er mit seiner Frau in New York.

Zou Lei und Skinner werden ihr Leben nicht glücklich verheiratet in der Metropole an der amerikanischen Ostküste verbringen, die für viele ein Sehnsuchtsort ist. Dass ihre Liebesgeschichte kein Happy End nehmen wird, zeichnet sich früh ab. Lish gibt seinen Leser schon im ersten Teil eine Vorahnung: Da sitzt Skinner auf seiner Bettkante, wühlt in seinem Seesack bis seine Pistole herausfällt: Er war an so etwas wie ihre Liebe nicht gewöhnt, und sie schien sein emotionales Ungleichgewicht nur zu befördern. Aber Skinner wusste nicht genug, um sich Sorgen zu machen. Anders als seine Pistole hatte sein Kopf keine Sicherung und keinen Hebel, um ihn auszuschalten.

Atticus Lish: Vorbereitung auf das nächste Leben. Arche Verlag, Zürich, 539 Seiten, 24,99 Euro, ISBN 978-3-7160-2745-5

Biographie auf der Seite des Verlags

Rezension in der Financial Times

Rezension in der New York Times