Berlin (dpa) - Mit einer leisen Szene lässt Friedrich Ani seinen neuen Roman "Ermordung des Glücks" beginnen.

Ein älterer Mann betritt ein Café. Eigentlich möchte ihn die Wirtin gar nicht hineinlassen, denn sie spürt, dass er schlechte Nachrichten bringt. Und leider stimmt ihr Gefühl. Nun weiß sie offiziell, dass ihr elfjähriger Sohn Lennard, der vor fünf Wochen spurlos verschwand, tot ist. Ermordet.

Für Tanja Grabbe, die Mutter des Jungen, bricht eine Welt zusammen. Der Junge war der Mittelpunkt ihres Lebens, und sein Tod ist für sie tatsächlich die Ermordung des Lebensglücks. Ani beschreibt eindringlich, wie der Frau ihr Leben entgleitet. Sie zieht sich völlig in die Erinnerung an ihren Sohn zurück.

Niemand dringt mehr zu ihr durch, weder ihr Mann noch ihr Bruder, der ihr sonst sehr nahesteht. Einer der Polizisten, die sich bemühen, den Mord aufzuklären, fasst ihren Zustand zusammen: "Sie kippt aus der Welt. Wir haben sie mit dem Tod ihres Sohn allein gelassen, und ihr bleibt nichts, als darin zu versinken."

Aber nicht nur Tanja Grabbe wird durch den Tod des Jungen aus der Bahn geworfen, sondern auch der Mann, der ihr die Todesnachricht überbrachte. Dieser Mann ist Jacob Franck, vor seiner Pensionierung viele Jahre Leiter der Münchner Mordkommission, der es sich nun zur Aufgabe gemacht hat, Hinterbliebenen die Nachricht vom Tod eines Angehörigen zu überbringen.

Franck war bereits in Anis Roman "Der namenlose Tag" von einem ungeklärten Todesfall so ergriffen, dass er seine gesamte Intuition und sein kriminalistisches Gespür aktivierte, bis er schließlich den Fall gelöst hatte.

Auch in "Ermordung des Glücks" gibt sich der introvertierte Einzelgänger Franck redliche Mühe, seinen früheren Kollegen bei der Aufklärung des Falls zu helfen. Vor allem aber will er Tanja Grabbe in ihrer unendlichen Trauer etwas Stabilität geben. Immer tiefer verbeißt er sich in den Fall und fürchtet bisweilen um sein eigenes seelisches Gleichgewicht.

Ein Roman, dessen Handlung von einem Mord ausgelöst wird, ist immer auch ein Kriminalroman, und die Suche nach dem Täter nimmt so auch in "Ermordung des Glücks" einigen Raum ein. Franck ist zwar nicht mehr offiziell im Dienst, aber er weiß, wie man mit Menschen spricht, die etwas gesehen haben könnten. Dabei fördert er einige überraschende Erkenntnisse zutage. Vor allem aber trifft er Menschen, die ebenso verloren sind wie Tanja Grabbe und für die Glück auch nur noch eine ferne Erinnerung ist.

Mit "Ermordung des Glücks" ist Friedrich Ani ein vielschichtiger Roman gelungen, der von feiner Charakterzeichnung und subtilem Spannungsaufbau lebt. Ani ist gerade mit dem Sonderpreis des Crime Cologne Award für seine Verdienste um den deutschsprachigen Kriminalroman ausgezeichnet worden. "Ermordung des Glücks" ist ein beredtes Beispiel für die besondere Qualität seiner Bücher.

- Friedrich Ani: Ermordung des Glücks. Suhrkamp Verlag, Berlin, 317 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-518-42755-2.