Berlin (dpa) - "Er hat seinen Platz zwischen den Fronten behauptet", schrieb Christa Wolf einmal über ihren russischen Schriftstellerkollegen und Menschenrechtler Lew Kopelew ("Aufbewahren für alle Zeit").

Der Satz gilt im Grunde für beide "Seelenverwandte", wie sie der frühere Moskau- und DDR-Fernsehkorrespondent Fritz Pleitgen in seinem Geleitwort zu dem jetzt erschienenen umfangreichen Briefwechsel zwischen den beiden Autoren nennt (Christa Wolf - Lew Kopelew - Der Briefwechsel 1969-1997, Steidl Verlag).

Es ist ein im besten Sinne wahrhaft historischer Briefwechsel in stürmischen Zeiten, der das Engagement und die Kämpfe der beiden für menschenwürdige Lebensverhältnisse und politische Systeme in ihren Ländern eindrucksvoll dokumentiert. Kopelew starb 1997 in Köln, Wolf 2011 in Berlin.

Während für Christa Wolf ein freiwilliges Verlassen der DDR trotz aller Widersprüche und Auseinandersetzungen, vor allem nach der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann 1976, nie in Frage kam, wurde Kopelew nach seinem jahrelangen Engagement in der Menschenrechtsbewegung 1981 aus der Sowjetunion ausgebürgert. Freiwillig hätte er sein Heimatland nie verlassen, wie er noch 1977 in einem Brief an Christa und Gerhard Wolf betonte und dabei auch den grundsätzlichen Unterschied der innerdeutschen Grenze zu anderen Staats- und Nationengrenzen beschrieb: "Eine Vertreibung (Ausbürgerung) für unsereinen wäre viel schlimmer als ein Exil 'aus Deutschland nach Deutschland'". Dabei sei "die allgemeine Situation bei uns... wohl in manchen Hinsichten schlimmer als bei Euch, denn wir können nichts publizieren", betonte Kopelew, wobei er indirekt auch auf die in diesem Punkt privilegierte Situation seiner deutschen Kollegin anspielte.

Bei dieser wiederum hatten sich mit der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 die Zweifel an der Reformierbarkeit des kommunistischen Systems verstärkt, die ihr nach der Biermann-Ausbürgerung aus der DDR 1976 zur Gewissheit wurden. Es werde immer schwieriger, innerhalb des Systems "ehrenhaft zu arbeiten", schrieb sie 1984 an Kopelew. Sie zahle einen moralischen Preis dafür, "daß ich, anders als eine große Reihe anderer Schriftsteller, in der DDR geblieben bin".

Die "Rechnung" sollte ihr nach dem Fall der Mauer im sogenannten deutschen Literaturstreit, der sie nach offenen oder versteckten "Staatsdichterin"-Vorwürfen tief verletzte, noch offen präsentiert werden. Ihre Bekanntheit im Westen sei ihr einziger Schutz in der DDR, meinte sie früher einmal. Aber der Druck nach innen nehme zu in der DDR. "Im Innern Opposition entwickeln, hat sich über die Jahrzehnte hin als unmöglich erwiesen... Hier ist der Versuch einer anderen Gesellschaftsordnung aus einer Reihe von Gründen, die wir heute benennen können, gescheitert."

Sie sehe es noch als ihre Pflicht und Möglichkeit an, das Scheitern des Experiments zu beschreiben, meinte Wolf 1984, fünf Jahre vor dem Fall der Mauer. In den Westen zu gehen, kam für sie dennoch nicht in Frage. Drüben würde sie ihr "Thema verlieren; ich bin zu alt, ein neues zu gewinnen".

In ihren Briefen an Kopelew schreibt sich Wolf immer wieder auch ihren ganzen Schmerz und ihre Wut von der Seele, zum Beispiel den "für meine Generation" - Wolf ist 1929 geboren - "typischen Bruch unseres Selbstbewusstseins". Kopelew wiederum spricht 1973 ihr gegenüber von den Erfahrungen "Deiner Generation in Deutschland und Deine persönlichen - der Autorin, der Funktionärin, der suchenden, denkenden, glaubenden, zweifelnden, hoffenden, enttäuschten und wieder glaubenden und hoffenden jungen deutschen Frau der Jahrhundertmitte".

Dabei gab es durchaus auch manchmal unterschiedliche Auffassungen zwischen den Briefpartnern wie zum Beispiel zur Berliner Mauer und der deutschen Wiedervereinigung, die Wolf eher pessimistisch beurteilte und von einer westdeutschen "Kolonisierung der DDR" sprach. Kopelew sah das als Nichtdeutscher etwas anders und begrüßte die seiner Meinung nach selbstverständliche "Einheit der deutschen Nation", der "Kulturnation".

Und was viele West- wie Ostdeutsche im "innerdeutschen Alltag" irgendwann ignorierten oder gar als "Normalität" hinnahmen, war für Raissa Orlowa-Kopelewa, der Ehefrau des Autors, ein bleibender Schrecken, als sie den Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße passieren wollte (und abgewiesen wurde): "Über mir auf der oberen Galerie Wachposten mit Maschinenpistolen, in schwarzen Stiefeln. Es war die Verkörperung des Schreckens, aber auch der völligen Absurdität."

Lew Kopelew hatte schon bei seiner ersten Begegnung mit Wolf 1965 in der Ostberliner Wohnung von Anna Seghers ("Das siebte Kreuz") die Mauer als "tragischen Unsinn" charakterisiert. "Wir stritten uns... mit K. etwas über die Mauer", erinnerte sich Wolf. Kopelew habe zwar "tagespolitische Nützlichkeiten" des Mauerbaus vom 13. August 1961 anerkannt, aber auch darauf beharrt, dass seiner Ansicht nach auf die Dauer gesehen die Spaltung eines Volkes ein tragischer Unsinn sei und keine Perspektive habe.

Im Frühjahr 1990 sprach Wolf in einem Brief an Kopelew von einem "Wiederaufleben des Nationalismus" hüben wie drüben und meinte: "Wir haben uns über die Tiefe und das Ausmaß der Schäden getäuscht, die (bei uns) Faschismus, der nahtlos in den Stalinismus überging, in den Menschen hinterlassen haben."

- Tanja Walenski (Hg.): Christa Wolf - Lew Kopelew - Sehnsucht nach Menschlichkeit. Der Briefwechsel 1969-1997, Steidl Verlag, Göttingen, 358 Seiten, 28,00 Euro, ISBN 978-3-95829-294-9.

Christa Wolf/Lew Kopelew: Senhsucht nach Menschlichkeit. Der Briefwechsel