Göttingen (dpa) - Ein geheimnisvolles Mädchen taucht an einem Weiher mitten im Schwarzwald auf. Nachts. Sie spricht eine Sprache, die kaum einer versteht. "Baledschido", sagt sie, "baledschido".

Das Mysteriöse: Das passiert nicht nur einmal. Gleich mehrere Menschen machen diese Begegnung, die sie nachhaltig berührt. Zu unterschiedlichen Zeiten - doch das Mädchen scheint nicht zu altern.

Zwei seiner Beobachter treffen sich in Alexander Pechmanns Roman "Die Zehnte Muse" und kommen in einem Zugabteil ins Gespräch: der Maler Paul Severin und der englische Journalist Algernon Blackwood. Es ist Juli 1905, beide haben denselben kleinen Ort als Ziel. Und schnell kommt der Verdacht auf, dass dieses Treffen kein Zufall sein kann.

Pechmann lässt die beiden als Ich-Erzähler auftreten, die von ihrem Leben einmal als britischer Schüler zum Deutschlernen in einem Internat im Schwarzwald berichten, einmal von ihrem Werdegang als Künstler. "Eigentlich verdiente ich mein Geld mit Porträts von Wichtigtuern, Egomanen, Geizhälsen und Heuchlern, die sich überaus dankbar zeigten, wenn ich die Nachwelt schamlos belog und sie als bescheiden, gütig, großzügig und fromm darstellte", sagt Severin über sich selbst. Lieber male er aber Verrücktes, von Träumen und Haschischvisionen Inspiriertes, von Aberglaube und Symbolen.

So steckt das Buch voller Verweise auf okkulte Rituale, auf die Auseinandersetzung mit Kunst, Kultur, Religion und Glaube aus verschiedenen Blickwinkeln. Es geht um die Frage nach dem Wesen der Zeit. Und die beschriebenen Kunstwerke, aber auch kleine Momente im Text und der Roman selbst stecken voller Symbolik. Schon der Titel verweist auf die Musen als Schutzgöttinnen der Künste, von denen aus der griechischen Mythologie allerdings nur neun bekannt sind.

"Die meisten Menschen verlieren den Blick für die kleinen Dinge, wenn sie erwachsen werden, sie verlieren jedes Gespür für den Zauber, der sie umgibt", sagt Blackwood an einer Stelle zu Severin - und es klingt, als würde er sich auch an den Leser wenden. So überrascht es wenig, dass Autor Pechmann im Verlags-Podcast "Steidl Wörtlich" sagt, dass in seinem Werk durchaus Rätsel enthalten seien, die die Leser selber lösen müssen. Er bezeichnet sich darin selbst als Freund "klassischer Phantasik", der Malerei, Symbolismus, Unbewusstes möge.

Als Übersetzer unter anderem von Mary Shelley, Mark Twain, F. Scott und Zelda Fitzgerald kenne er den Stil der Literatur des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und orientiere sich etwa auch bei der Sprache daran, erklärt Pechmann. Für "Die zehnte Muse" hat er zudem unter anderem die Autobiografie von Algernon Blackwood als Quelle genommen, wie er in einem Anhang offenlegt. Der Maler Paul Severin ist zumindest an einen Künstler angelehnt, den es wirklich gegeben hat.

Ihre Geschichten verzahnt Pechmann dann noch in seiner Wahlheimat, dem Schwarzwald. Auf rund 170 Seiten gibt es viele Impulse zum Nachdenken. Doch allein schon aufgrund der Beschreibungen der nächtlichen Begegnungen mit der Nixe und der Frage nach Existenz von Geistern ordnet der Verlag das Werk als Schauerroman ein. Dabei gehe es gar nicht so sehr um das Gruseln, sagt Pechmann im Podcast. Aufgabe von Schauerliteratur sei vielmehr, das Gefühl zu vermitteln, "dass da irgendetwas ist, das uns umgibt und das wir nicht sehen und auch nicht verstehen können, aber das dennoch da ist".

Alexander Pechmann: Die Zehnte Muse, Steidl Verlag, 176 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-95829-715-9,

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