Berlin (dpa) - Als die junge Heide Grenz, spätere Frau und dann Ex-Frau des früheren "Zeit"-Chefredakteurs Theo Sommer, Anfang der 60er Jahre in die Arbeitswelt der jungen Bundesrepublik eintrat, war das die Zeit der mit Zigarettenrauch vernebelten Chefetagen und später dann auch der rebellischen "68er" Revolte und von Alice Schwarzer.

In Westdeutschland herrschte Vollbeschäftigung. Es gab einen Mangel an Arbeitskräften und ein Werben um "Gastarbeiter" - "auf fünf Bewerbungen kamen damals sechs Zusagen, und das sofort", erinnert sich Heide Sommer. Jetzt sind ihre Erinnerungen als Sekretärin unter anderem von Carl Zuckmayer ("Des Teufels General"), Loki und Helmut Schmidt, Rudolf Augstein ("Spiegel") und Fritz J. Raddatz (Heide Sommer: "Lassen Sie mich mal machen - Fünf Jahrzehnte als Sekretärin berühmter Männer", Ullstein Verlag) erschienen.

Die Erinnerungen geben auch einen Einblick in eine versunkene Arbeitswelt im Büro mit Lochkarten, Kugelkopf-Schreibmaschinen, Durchschlägen mit Kohlepapier und Rohrpost. Die Sekretärin musste die handgeschriebenen Manuskripte oft mühsam entziffern, Augstein oder Günter Gaus schrieben sie sogar in altdeutscher Sütterlin-Schrift. Und wer weiß noch, dass der Ausbau des telefonischen Selbstwählnetzes in Westdeutschland erst 1972 vollendet war?

Das Buch ist auch ein Einblick in das Selbstverständnis eines Sekretärinnen-Typs, "ein kleines, aber wichtiges Rädchen im Getriebe zu sein", sie sei "viel mehr als reine Arbeitskraft" gewesen, heißt es in dem Buch von Heide Sommer (Jahrgang 1940) mit klarer Haltung: "Wer mich bezahlt, kauft meine Loyalität mit, oder ich gehe weg." Sie sah sich als "eine Art Wunscherfüllerin" mit der Kunst, "sich zurückzunehmen und trotzdem etwas bewirken".

Daraus spricht einerseits ein gewisses Selbstbewusstsein. Andererseits erinnert sich die Autorin aber auch: "Ich nahm die Ereignisse gefiltert durch die Köpfe der Männer wahr." Und "MeToo"-Debatten waren ebenso wie die 68er Frauenemanzipation noch eine Weile entfernt. Wenn die Chefs manchmal etwas "antatschig" wurden, fühlte sich Heide Sommer vermutlich wie ähnlich denkende Geschlechtsgenossinnen "nicht gedemütigt, sondern durch die Aufmerksamkeit guter, bedeutender oder gar berühmter Männer, in deren Glanz wir uns sonnten, eher geschmeichelt". Und sie war eher überrascht, wenn sie die Einsamkeit mancher "Berühmtheiten", die protzige Cadillacs fuhren oder im Bademantel im Büro ins Stenogramm diktierten, entdeckte. Aber eine Meinung zur aktuellen "MeToo"-Debatte hat Heide Sommer auch: "Ich bin überzeugt davon, dass weibliche Wesen in einer seriös anmutenden Umgebung meistens durch eigenes Verhalten steuern können, wie weit ansonsten niveauvolle Männer sich in ihrer Gegenwart vergessen oder bemitleidenswert miserabel aufführen."

Augstein erschien Heide Sommer als "ein tief verunsicherter Mensch ohne Ur- und Selbstvertrauen". Gleichzeitig behauptet die Sekretärin, "dass mein Lebensgefühl durch meinen Job bei Rudolf Augstein in einer Weise gesteigert wurde, die mich schweben ließ", es habe auch Anerkennung gegeben, "wenn auch spielerisch oberflächlich". Mit dem Mann und Ex-Mann Theo Sommer sah das mit der Anerkennung offenbar manchmal etwas anders aus: "Wie immer fand Theo nur das gut, was auf seinem Mist gewachsen war."

Einblicke in ein Ehe- und Arbeitsleben der besonderen Art erhält Heide Sommer, als sie zeitweise Loki Schmidts Sekretärin in deren Haus mit Helmut Schmidt am Brahmsee wird. Mit dem Ehepaar war sie durch Theo Sommer schon länger befreundet und hatte am Brahmsee ihren ersten Sohn auf dem Küchentisch gewickelt. Heide Sommer war nach eigener Erinnerung "tief beeindruckt" von Helmut Schmidt, "auch als Mann", bei dem sie kein "Machtgebaren" sah, sondern "eine gewisse Macho-Ausstrahlung", die sie befangen machte. In Lokis Gegenwart habe diese Ausstrahlung nachgelassen, "und er war der ganz normale, einfache Ehemann, der sich zuhause mit seiner Frau anschwieg, wie es in so vielen Familien der Fall ist".

Berührend ist das letzte Kapitel des Buches über "Letzte Jahre mit Raddatz", der 2015 freiwillig aus dem Leben schied. Auch bei Fritz J. Raddatz, dem so viele Jahre erfolgreichen und einflussreichen Publizisten, Kritiker und Schriftsteller, sah Heide Sommer eine "innere Emigration" und eine "verletzliche und verletzte Einsamkeit", einen Mann, der schließlich immer dünnhäutiger wurde, der aber gleichzeitig in seinen publizierten Tagebüchern, die viel Wirbel auslösten, auch auszuteilen wusste. Raddatz sei penibel und auch anstrengend gewesen, erinnert sich Sommer. Ständig ansprechbar sein zu müssen, "mit Wildfremden, selbstverständlich Ungebildeten, parlieren und Konversation treiben zu müssen", war ihm zuwider. Den letzten Dienst erwies die Sekretärin ihm, ohne den wahren Grund zu wissen, mit der Reservierung eines Zimmers in einem noblen Kudamm-Hotel, "open end", er wollte sich in Berlin "noch ein paar schöne Tage machen", erinnert sie sich an seine Begründung dafür. In Wahrheit fuhr Raddatz nach Zürich in den selbstgewählten Tod.

Manche Klatsch- und Tratschnotizen von Verlagsfesten oder private Details in dem Buch wirken überflüssig, zum Beispiel ob man unbedingt auch wissen muss, dass Zuckmayers getrennt geschlafen haben und die Dame des Hauses "wallende Nachtgewänder mit Spitzenhäubchen" getragen hat.

Insgesamt aber gibt Heide Sommer einen tiefen Einblick in das damalige Berufsfeld der Sekretärinnen in Chefetagen mit dem eigenen Selbstverständnis und dem Gebaren ihrer Chefs, was eine Fundgrube für jeden Gesellschafts- und Kulturwissenschaftler sein dürfte. Und das auch noch locker und zum Teil amüsant erzählt. Damit sind die Erinnerungen auch ein für alle Nachgeborenen ein lesenswerter Rückblick auf einen Teil der intellektuellen Mittelschicht oder auch "gehobenen" Gesellschaft in der damaligen Bundesrepublik, zumindest der Medienlandschaft mit einigen ihrer herausragenden Protagonisten.

Heide Sommer: Lassen Sie mich mal machen. Fünf Jahrzehnte als Sekretärin berühmter Männer. Ullstein Verlag, Berlin, 256 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-550-20016-8

Lassen Sie mich mal machen