Berlin (dpa) - An einem nebeligen Novembertag des Jahres 1646 taucht in dem jütländischen Dorf Aalsö ein Fremder in abgewetzter Soldatenuniform auf. Der Mann behauptet, er sei Niels Bruus und somit Erbe seines vor kurzem verstorbenen Bruders Morten, des reichsten Mannes am Ort.

Doch die dreiste Behauptung ruft im Dorf Empörung hervor. Alle wissen doch, dass Niels Bruus seit mehr als 20 Jahren tot ist. Seine Leiche wurde seinerzeit vor den Augen vieler Zeugen im Garten des Pastors Sören Qvist ausgegraben. Qvist wurde des Mordes angeklagt und hingerichtet.

Mit dem unvermittelten Auftauchen des zwielichtigen Fremden kommt die alte Geschichte wieder hoch. Kann der Mann beweisen, dass er tatsächlich Niels Bruus ist? Und falls ja, warum hat der Pastor dann damals das Verbrechen gestanden? Die 1998 verstorbene amerikanische Autorin Janet Lewis wird seit einiger Zeit wiederentdeckt. Eigentlich machte sich Lewis vor allem als Lyrikerin einen Namen. Zu ihren herausragenden Prosawerken gehören drei Romane zu historischen Kriminalfällen, die sie zwischen 1941 und 1959 veröffentlichte.

Einer davon ist "Der Mann, der seinem Gewissen folgte" von 1947, der erst jetzt in Deutscher Erstausgabe bei dtv erschienen ist. Er handelt von einem berüchtigten Indizienprozess in Jütland aus dem Jahr 1625. Zuvor hatte der Verlag bereits Lewis‘ bekanntestes Prosawerk "Die Frau, die liebte" (Englisch: "The Wife of Martin Guerre") veröffentlicht.

Das aktuelle Werk ist weder Krimi noch Justizroman, obwohl er Anklänge von beidem hat und sehr spannend zu lesen ist. Im Kern geht es der Autorin um moralische, religiöse und existenzielle Fragen wie Schuld und Sühne, Versuchung und Wiedergutmachung, Prüfung und Erlösung. All dies wird an der schillernden Figur des Sören Qvist demonstriert, eines Pastors, der ebenso bekannt ist für seine Menschenfreundlichkeit und Güte wie auch für seine bisweilen aufbrausende, jähzornige Art, unter der er selbst am meisten leidet.

Das Verhängnis beginnt mit einer Zurückweisung: Der reiche Bauer Morten Bruus hätte gern Anna, die liebenswürdige Tochter des Pastors, zur Frau. Doch die hat keinerlei Interesse an dem verschlagenen Mann, zumal um sie auch noch der sehr viel angenehmere Friedensrichter Tryg Thorwaldsen wirbt. Mit ihm feiert sie bald Verlobung. Von da an verfolgt Bruus den Pastor mit seinem Groll. Eines Tages taucht der jüngere Bruder Niels im Pfarrhaus auf und bittet um eine Anstellung als Knecht. Getrieben von seinem schlechten Gewissen willigt Qvist ein. Doch Niels ist faul und macht nur Scherereien. Immer wieder beschwört er den Zorn des Pastors herauf. Bei einem dieser Zornausbrüche verfolgt dieser Niels mit einer Schaufel bis in den Garten. Der Knecht flieht in die Nacht hinaus, um kurze Zeit später als Leiche wieder aufzutauchen.

Es ist ausgerechnet Morten Bruus, der genau weiß, wo der tote Bruder zu finden ist, nämlich verbuddelt im Garten des Pfarrers. Prompt findet man dort die Leiche. Obwohl Qvist am besten wissen muss, dass er unschuldig ist und viele seiner Vertrauten überzeugt sind, dass er in eine böse Fall tappt, kämpft der Pastor zur Überraschung aller zu keiner Minute für seine Befreiung. Vielmehr nimmt er den Prozess und das Urteil wie eine Gottesstrafe hin. Denn er sieht sich schuldig durch seinen immer wieder aufflammenden Jähzorn: "Ja,der Gedanke an den Tod ist bitter, aber zehntausendmal bitterer ist das Wissen, dass die Gnade nicht mehr in meinem Herzen wohnt. Und was sonst könnte ich spüren in meiner Schwäche und Verwirrung?".

Diese ergebene Haltung eines gottesfürchtigen Mannes mag den modernen Leser irritieren, ja sogar empören, aber sie wird hier mit großer Geradlinigkeit und beeindruckender Konsequenz durchgezogen. Lewis schildert das dramatische Geschehen in einer klaren, präzisen Sprache mit großem Feingefühl für den historischen Kontext. In diesem kleinen Meisterwerk werden die Konflikte des Gewissens, die Anfechtungen des Glaubens, aber auch die Anwandlungen von Magie, Zauberei und Aberglauben authentisch und voller Menschlichkeit vermittelt.

- Janet Lewis: Der Mann, der seinem Gewissen folgte, dtv, München, 270 Seiten, 22,00 Euro, ISBN 978-3-423-28190-4.

Der Mann, der seinem Gewissen folgte