Berlin (dpa) - Seid unbequem, seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt! Die Gedichtzeile von Günter Eich (1907-1972), dem Mitbegründer der legendären Gruppe 47 und Protagonisten des modernen Hörspiels im Nachkriegsdeutschland, war auch ein Lieblingsruf der rebellischen Jugend von 1968.

Eichs eigene Rolle als Öl im Getriebe des Rundfunks in Hitler-Deutschland war allerdings nicht unumstritten. Die habe er 1940 mit dem von der NS-Presse hochgelobten anti-englischen Propaganda-Hörspiel Rebellion in der Goldstadt beendet, wie der Germanist Axel Vieregg und frühere Eich-Mitherausgeber in seinem Vorwort zu einem bisher unveröffentlichten und jetzt erstmals publizierten Dramenfragment des späteren Büchner-Preisträgers betont.

Das Fragment (zu Themen wie Identität, Schweigen, Lügen und Doppelexistenz in parabelhafter Form) sei bisher übersehen und daher auch nirgends ausgewertet worden. Vieregg greift Eichs Rolle im NS-Rundfunk nicht zum ersten Mal auf. Ulrich Greiner warf Vieregg schon 1993 in der Zeit einen ideologiekritischen Eifer und moralischen Empörungston desjenigen vor, der 60 Jahre später das Richtige vom Falschen zu scheiden weiß. Eich sei niemals ein Anhänger oder gar Sprachrohr der Nazis gewesen, meinte Greiner damals.

Vieregg, der an der Herausgabe der Gesammelten Werke Eichs beteiligt war, hält jetzt dagegen, offen habe Eich nie darüber gesprochen, sich stattdessen in "Erzählungen" versteckt und seine Rolle im NS-Rundfunk stets heruntergespielt. Erst aus der Einsicht heraus, daß er mit seinen mehr als 160 Rundfunkarbeiten das "Dritte Reich" gestützt hatte, gewann Eichs berühmte Forderung "Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt" ihre beschwörende Kraft. Der Schritt vom frühen zum reifen Eich vollziehe sich symbolisch im Wolburg-Fragment.

Darin gehe es um einen Mann, dessen Vergangenheit ihn ins Gefängnis bringen könnte und der daher seine Identität aufgeben und, als vermeintlich verlorener Sohn, in die Haut eines anderen schlüpfen müsse. Sie müssen nur mit Überzeugung lügen können, heißt es darin. Und als dem Mann geraten wird Wer A sagt, muß auch B sagen, antwortet dieser: Ich glaube, ich bin schon viel weiter im Alphabet und fürchte nur, eines Tages gehen mir die Buchstaben aus. Ich kann nicht mehr zurück...Ich begehe hiermit Urkundenfälschung.

In der Vorbemerkung zu einem anderen Hörspiel mit ähnlicher Thematik (Die gekaufte Prüfung über einen käuflich gewordenen Studienrat) meinte Eich: In Zeiten, in denen es uns gut geht, sind gewisse Grundsituationen, in denen der Mensch über sich selbst zu Gericht sitzt, rar geworden. In beiden Hörspielen sei es nur vordergründig um die Inflationszeit, also Vorkriegszeit, gegangen. Damals, Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre, gab es übrigens noch einige tausend (!) Hörerbriefe auf ein Hörspiel im Rundfunk.

Vor allem ist es laut Vieregg in den beiden Hörspielen indirekt auch um Eichs Mitwirken im Rundfunk der NS-Zeit gegangen. Eich habe an der beliebten und bekannten und mit 75 Sendungen umfangreichsten Funkserie des Dritten Reiches, dem Deutschen Kalender - Monatsbilder vom Königswusterhäuser Landboten über Brauchtum, Volkstum und Volksgemeinschaft mitgewirkt, die von 1933 bis 1940 zur besten Zeit gelaufen sei.

Laut Vieregg haderte Eich aber auch mit seiner Stellung im NS-Rundfunk. So meinte er bereits 1936 einmal, er habe zwar Geld und Erfolg bis zu einem gewissen Grade. Aber ich werde nie und nimmer glücklich sein in dieser Rolle, das Verborgene in diesem Lebenszustand hält mich ewig in schlechtem Gewissen.

Greiner meinte seinerzeit in der Zeit, Eichs spätere Klagen über die Landboten-Sendung seien vor allem als Selbstanklage beruflicher Art zu verstehen, nämlich unter das eigene literarische Niveau gegangen zu sein. Allerdings habe Eich auch Kompromisse gemacht und nach eigenen Worten dem Nationalsozialismus auch keinen aktiven Widerstand entgegengesetzt.

Die autobiografischen Züge im Wolburg-Fragment (eine zentrale Figur im unbetitelten Manuskript) sind laut Vieregg nicht zu übersehen. In einer Art Wunschbiografie verschmelzen zwei Orte, zwei Familien. Zum einen der Ort von Eichs früher Kindheit, das Straßendorf Arenzhain bei Finsterwalde in der Niederlausitz, wo sein Vater einen Gutshof mit Ziegelei gepachtet hatte. Zum anderen der Ort der Niederschrift, Geisenhausen in Niederbayern, wo Eich Ende 1944 nach den Jahren in der verhassten Armee bei einer Familie Zuflucht gefunden hatte. Wohin sollte ich?, erinnerte er sich später daran. Ich wusste von niemandem. Greiner meinte seinerzeit, auch wenn Vieregg mit Eich undifferenziert umgehe: Das Thema, das Vieregg ausbreitet, ist und bleibt das deutsche Thema.

- Sinn und Form, herausgegeben von der Akademie der Künste, Berlin, geleitet von Matthias Weichelt, 5. Heft 2015, 140 Seiten, ISBN 978-3-943297-25-6.

Wolburg-Fragment