Mainz (dpa) - Der Blick in persönliche Tagebücher eines anderen Menschen hat immer etwas leicht Voyeuristisches. Jane Birkin wird ihrem Skandal-Image in den "Munkey Diaries" manchmal gerecht. Vor allem aber zeigt die jetzt veröffentlichte Tagebuch-Auswahl das Bild einer verletzlichen jungen Frau in einer männlich dominierten Gesellschaft.

Wenige Wochen nach ihrer Hochzeit notierte die 18-Jährige, dass sie sich beim morgendlichen Aufstehen am Türrahmen stieß: "Jetzt hab ich ein blaues Auge und einen Schrei im Herzen." Den Verletzungen von außen fügt sie Selbstverletzungen hinzu, schneidet sich die Haut auf, wie es manche junge Frauen in psychischer Not tun. Ihr Mann John Barry, berühmt als Komponist etwa für die James-Bond-Filme, habe ihr aber nur gesagt, sie solle "aufhören, so viel Lärm zu machen mit der Heulerei".

Die "Munkey Diaries" benannt nach einem Stoffaffen, der die britische Sängerin und Schauspielerin (Jahrgang 1946) viele Jahre begleitet hat, verbinden Tagebuch mit Autobiografie. Entstanden sei "eine Mischung aus den Tagebüchern von damals und den heutigen Erinnerungen", erklärt die Autorin. Die Leser können beide Textarten gut unterscheiden, da sie in einer anderen Schriftart gesetzt sind. Fotografien und Zeichnungen von Jane Birkin aus den Tagebüchern ergänzen den Text.

Dass Schmerzen auch glücklich machen können, erfährt Jane in ihrer ersten Schwangerschaft. Aber nur vier Monate nach der Geburt der Tochter Kate trennt sich das Paar. Jane geht nach Paris und lernt im Umbruchjahr 1968 bei Dreharbeiten für den Film "Slogan" in Paris Serge Gainsbourg kennen. Dieser sei "ziemlich verlebt, zugleich aber voller Lauterkeit", notiert die Tagebuchschreiberin.

Im Jahr darauf hauchte Jane dreimal "Je t'aime" (ich liebe dich) ins Mikrofon und Gainsbourg antwortete: "moi non plus" (ich auch nicht). Sie sei so aufgeregt gewesen, dass sie "automatisch eine Oktave höher" gesungen habe, erinnert sich Jane - schließlich hatte ihr Partner das Lied bereits 1967 mit Brigitte Bardot gesungen, was aber mit Rücksicht auf deren Mann Gunther Sachs dann nicht veröffentlicht werden durfte. Im Vatikan und bei der BBC sei das damals als Skandal empfundene Lied geächtet worden - aber Jane vertraut dem Urteil ihrer Mutter Judy: "die hübscheste Melodie der Welt".

Jane Birkin genießt den Ruhm: "Ich werde langsam bekannt, dank "Je t'aime" und "Slogan", wir sind das Paar des Jahres", notiert sie im Januar 1970. Das Tagebuch erzählt von Reisen, Begegnungen mit Stars und von der Geburt der gemeinsamen Tochter Charlotte. Die Auswahl der Tagebucheinträge macht auch Alltag und Mutternöte der Schauspielerin sichtbar, ebenso die Erwartungen der Entertainment-Branche, auf die Jane einmal antwortet: "Ich hasse frontale Nacktheit, ich finde sie langweilig. Ich finde sie kein bisschen sexy."

Ende 1974 sind erste Spuren der Entfremdung zwischen Jane und Serge spürbar. Jane vertraut ihrem Tagebuch-Munkey an, dass sie sich immer mehr als Marionette empfinde. Alkohol wird zum Problem. Und dann trifft Jane Birkin 1981 eine Entscheidung: "Ich lehne die Macht seiner Liebe, seiner Autorität, seiner Überheblichkeit ab." Das Tagebuch zeigt noch die Anfänge der ganz anderen Beziehung zu Jacques Doillon und die Geburt ihrer dritten Tochter Lou im Jahr 1982.

Barbara Heber-Schärer hat die Tagebücher einfühlsam aus dem Französischen übersetzt - der sensible Umgang zeigt sich schon darin, dass der Originaltitel "Le journal intime" mit "privat" übersetzt wurde. Der zweite Band der Tagebücher mit Aufzeichnungen bis 2013 ist soeben auf Französisch im Verlag Fayard erschienen. Ein Erscheinungsdatum für die deutsche Ausgabe gibt es noch nicht. Nach dem ersten Band können die Leser auch in der Fortsetzung ein persönliches Dokument erwarten, in dem immer wieder die Liebe zum Leben vorscheint.

- Jane Birkin: Munkey Diaries. Die privaten Tagebücher. Penguin Verlag., München 2019. 352 Seiten. 25,00 Euro. ISBN: 978-3-328-60116-6.

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