Berlin (dpa) - Die "Lust zu fabulieren", sei ein Erbe seiner brasilianischen Mutter, sagte Thomas Mann einmal. Der "romanische Einschlag" habe seinem "ganzen künstlerischen Schaffen unverkennbar seinen Stempel aufgedrückt".

Der Zweitgeborene der Familie Mann hielt sich zugute, Mutters Liebling zu sein. Fest steht, dass beide Schriftstellerbrüder - Thomas wie auch Heinrich Mann - ihrer kreativen Mutter viel zu verdanken haben.

Sie war der Paradiesvogel in einer pragmatisch-nüchternen Kaufmannsfamilie, schrieb Geschichten, Märchen und Erzählungen, malte und war vor allem eine exzellente Klavierspielerin, die sogar komponierte. Der Einfluss der Mutter auf die Söhne war so groß, dass sie zur Vorlage einiger ihrer Romanfiguren wurde. Vor allem der ätherischen Gerda Buddenbrook verlieh sie ihre Züge.

Trotz dieser Bedeutung für das Leben der prominentesten deutschen Schriftstellerbrüder wurde Julia Mann in Biografien über ihre Söhne bisher stark vernachlässigt. Selbst in einem Buch über die Frauen der Familie Mann kommt sie nicht vor. Insofern schließt Dagmar von Gersdorff mit ihrer Biografie über Julia Mann nun eine Lücke. Aus öffentlichen und privaten Archiven förderte die Literaturwissenschaftlerin manch Unbekanntes zutage - Zeichnungen, Fotos und Briefe. Auch die von Julia Mann verfassten Geschichten und autobiografischen Abhandlungen werden in ihrem Buch eingehend gewürdigt. So entsteht das Bild einer vielseitig begabten, aber auch innerlich zerrissenen und unsteten Frau, die trotz aller Familienkonflikte immer bedingungslos zu ihren Kindern hielt.

Zeitgenossen faszinierte vor allem Julia Manns exotische Ausstrahlung. In ihrer Jugend galt sie als schönste Frau Lübecks. Ihr Sohn Thomas beschrieb seine Mutter als eine Frau "...mit dem Elfenbeinteint des Südens, einer edelgeschnittenen Nase und dem reizendsten Munde, der mir vorgekommen."

Ihre Kindheit war schwierig: Nach dem frühen Tod der Mutter verfrachtete Julias Vater, der Kaufmann Ludwig Bruhns, seine erst siebenjährige Tochter zu seinen Verwandten nach Lübeck. Den Verlust der Mutter und den Abschied vom Paradies ihrer Kindheit an der tropischen Küste Brasiliens verwand Julia Mann nie ganz. Die Erinnerungen lebten fort in Erzählungen, mit denen sie ihre Kinder beglückte und die sie in persönlichen Aufzeichnungen festhielt. Weitere schmerzliche Verluste waren die Trennung von ihrem Kindermädchen und ihren Brüdern, die nach Brasilien zurückgingen, sowie der Tod der geliebten Großmutter.

Auf diese frühen Verlusterfahrungen und Entwurzelung führt die Autorin die lebenslange Ruhelosigkeit und fehlende Verankerung Julia Manns zurück. Nach dem Tod ihres Mannes, des Senators Heinrich Mann, und der Liquidation der Firma fasste die Witwe den damals sehr emanzipierten Entschluss, mit ihren fünf Kindern nach München zu gehen. So entging sie den strengen und kontrollierenden Blicken der ehrpusseligen Lübecker Kaufmannsfamilien: "Das Trauma, ein fremder Vogel zu sein, hatte sie nie verlassen."

In München konnte sie endlich das von ihr ersehnte gesellige Leben inmitten von Künstlern führen, die die "wunderschöne, recht flotte Person" umschwärmten. Nicht zu unterschätzen ist Julia Manns Beistand für die künstlerisch so begabten Söhne. Während ihr Mann den Schulversagern "Unbotmäßigkeit" und "Mangel an Willenskraft" attestierte, hatte Julia Mann von Beginn an Verständnis für die Neigungen der Sprösslinge. Sie war auch immer die erste Leserin ihrer Werke.

Ein sehr sympathischer Zug ist ihr Gerechtigkeitssinn. Heinrich und Thomas waren als Menschen wie auch als Schriftsteller sehr verschieden und es gab eine große Konkurrenz zwischen ihnen. Die Mutter versuchte in der Beurteilung ihrer Werke, immer beiden gerecht zu werden und sie gleichermaßen zu ermutigen, auch wenn ihre Neigungen vielleicht etwas mehr zu Thomas gingen. Umso bitterer war für sie das jahrelange schwere Zerwürfnis der Söhne.

Nicht nur dieser Streit, auch der schreckliche Selbstmord der Tochter Carla (ausgerechnet in ihrer eigenen Wohnung), der Krieg und zunehmende materielle Probleme verdüsterten Julia Manns letzte Lebensjahre. Etwas schmerzlich ist zu lesen, wie wenig ihre inzwischen so erfolgreichen Söhne sie hier unterstützten. Mit ihrem lebendig geschriebenen Porträt über Julia Mann würdigt Dagmar von Gersdorff eine ungewöhnliche, vielseitige Frau und trägt so auch zu einem tieferen Verständnis ihrer Söhne bei.

- Dagmar von Gersdorff: Julia Mann. Die Mutter von Heinrich und Thomas Mann. Insel Verlag, Berlin, 335 Seiten, 24,00 Euro, ISBN 978-3-458-17770-8.

Julia Mann. Die Mutter von Heinrich und Thomas Mann