Zürich (dpa) - Einst waren die berühmtesten Detektive Europäer. Der Pfeifenraucher Sherlock Holmes. Der Moustache-Träger Hercule Poirot. Und natürlich Miss Marple, die weißhaarige Dame mit dem Strickzeug.

Doch dann betrat ein Amerikaner mit Zigarette zwischen den Lippen und Whiskyflasche in der Hand die Krimi-Weltbühne: Philip Marlowe. Mit ihm wurde alles anders. Der King of Cool. Ebenso schlagfertig wie abgebrüht, zynisch und illusionslos, aber auch melancholisch mit einem weichen Herzen. Besonders für das Geschlecht, das man damals noch ungestraft das schwache nannte.

80 Jahre ist es her, dass in Amerika "The big sleep" ("Der große Schlaf") erschien, Raymond Chandlers erster Roman und die literarische Geburt von Philip Marlowe. 60 Jahre sind seit Chandlers Tod vergangen. Neben Dashiell Hammett ("Der Malteser Falker") gehörte Chandler zu den großen Pionieren der "Hard-boiled fiction", ein - laut Encyclopaedia Britannica - "harter, unsentimentaler Stil des amerikanischen Krimi-Schreibens, der einen neuen Ausdruck von urwüchsigem Realismus mit sich brachte". Mit hartgesottenen Ermittlern als Helden und anschaulichen Sex- und Gewaltdarstellungen, wenngleich damals noch weit zahmer als das, was heute als vertretbar gilt.  

Das Jubiläum des Chandler-Erstlings hat der Zürcher Diogenes-Verlag zum Anlass für eine aufwendige Neuedition aller sieben Marlowe-Romane genommen. Mit Hilfe renommierter Übersetzer werden Chandlers Texte für die heutige Zeit und, so hofft man natürlich, ein neues, junges Lesepublikum aufbereitet. "So eine knappe und schnelle Sprache, wie Chandler sie hatte, gab es noch nicht im Deutschen zur Zeit der früheren Übersetzungen", erklärt dazu das Diogenes-Lektorat.

Als "Sahnehäubchen" gibt es zu jedem neuen Marlow-Band ein Nachwort eines renommierten Chandler-Bewunderes. Den Anfang haben jetzt der preisgekrönte Übersetzter Frank Heibert und keine geringere als Donna Leon gemacht, die Schöpferin des venezianischen Commissario Brunetti.

Heibert, der aus dem Amerikanischen unter anderem Werke von William Faulkner, Don DeLillo und Tobias Wolff übersetzte, gelingt es gut, Chandlers fast an Kamerafahrten erinnernde szenische Darstellungen eines von krassen sozialen Gegensätzen geprägten Los Angeles im Deutschen nachvollziehbar zu machen. "Jeder schlägt sich durch, so gut er kann, korrupt, klein- bis großkriminell, und Chandler zelebriert den Blick auf die Extreme, auf das Schrille, das Perverse", schreibt Heibert in seinem Nachwort. "Der durchkomponierte Sound und die dahinterstehende Lebenshaltung machen Raymond Chandlers Krimis zu zeitloser Literatur."

Klar, dass dazu - heute vielleicht mehr denn je - die lässig-coole Erzählweise aus der Marlowe-Perspektive gehört. Ein Beispiel: "So sexy, wie sie sich auf mich zuschob, hätte sie jeden Businesslunch in eine Stampede verwandeln können." 1950 las sich das in einer Übersetzung von Mary Brand (Pseudonym, 1889-1968) noch so: "Sie näherte sich mir mit genügend Sex-Appeal, um einem Geschäftsmann den Appetit auf den Lunch zu verschlagen." 

Der clevere und nahezu skrupellose Marlowe, den sich wohl die meisten, die sich noch an die erste Verfilmung von "The big sleep" (1946) erinnern, als Humphrey Bogart vorstellen, gilt als erster "Großstadtdetektiv". Womit wohl Großstadtdschungel gemeint ist. Im Auftrag des steinreichen und steinalten General Sternwood soll Marlowe die Erpresssung von dessen aufreizender Tochter Carmen beenden. Der Job wird rasch zu einem lebensgefährlichen Strudel aus Leichen, leicht bekleideten Schönheiten, Drinks und Bleikugeln. Gewürzt mit Marlowe-Sprüchen.

Darunter jener, der auf Chandlers Grabstein auf dem Mount Hope Cemetary in San Diego steht: "Dead men are heavier than broken hearts" ("Tote Männer sind schwerer als gebrochene Herzen"), was manche als Anspielung auf Chandlers letzte Lebensjahre lesen, in denen er unter Depressionen und Alkoholsucht litt. 

Raymond Chandler habe die heile Welt von Agatha Christies Romanen "zur Hölle" geschickt, schreibt Donna Leon. Auch Christie habe zwar morden lassen. Aber danach sei die Welt in den Stand der Unschuld zurückgekehrt, während sie bei Chandler ihre Unschuld verloren habe. "In der Gesellschaft, in der seine Bücher spielen, herrschen keine verbindlichen Regeln mehr, und es herrscht auch keine Ordnung mehr. Seine Figuren leben in einem dunklen Gewässer, in dem Raubfische auf Beutezug sind."

Raymond Chandler: Der große Schlaf. Diogenes Verlag, Zürich, 304 Seiten, 22 Euro, ISBN 978-3-257-07078-1