Hamburg (dpa) - Eine Spinne lauert zumeist im Inneren ihres Netzes auf Beute. Leser des neuesten Thrillers "Sündengräber" der Schwedin Kristina Ohlsson kleben eine ganze Weile an den äußeren Fäden, bevor sie sich langsam nach innen vorarbeiten.

Mag sein, dass angesichts der vielen Verstrebungen des komplizierten Gespinstes die Geduld einiger Neugieriger zunächst ein wenig auf die Probe gestellt wird, doch daraus befreien können sie sich dann schon nicht mehr. Zu fest ist die Haftung, und sie wird immer stärker. Sprich: Man kann das Buch um den vermutlich letzten Fall des Ermittlerteams Alex Recht und Fredrika Bergman nicht mehr aus der Hand legen. Bis zum bitteren Ende - dann, wenn das Netz zerreißt.

Bitter in mehrfacher Hinsicht: Zum einen, wenn Ohlsson ihre Ankündigung tatsächlich wahr macht und den Schlusspunkt unter diese gute Reihe setzt. Zum anderen, weil der Plot zwar ungemein spannend, aber auch ziemlich düster ist. Und das nicht nur wegen Fredrikas Mann, der einen Gehirntumor hat und sterben wird. Nein, es ist die menschliche Unvollkommenheit, die vielen kleinen Schwächen des Einzelnen, die mitunter zu einem riesigen Problemkomplex anwachsen und in einer Katastrophe enden können. Hier und überall.

So geschehen auch in Stockholm 2016. Zuerst sind es drei verirrte Männer, um die es geht: Der Erste gesteht schriftlich ein Verbrechen, der Zweite mietet eine Villa, und der Dritte wird von seinem Chef gefeuert. Was die drei miteinander verbindet, wird erst viel, viel später klar. Und dann geschieht ein Mord. Dann noch einer und noch einer und noch einer... Fredrika und Alex, die einen der unerklärlichen Fälle zu entschlüsseln haben, schlagen sich dazu noch mit anderen Problemen herum: Fredrikas Sprachlosigkeit - sie mag niemandem von der Krankheit ihres Mannes erzählen, auch Alex nicht. Alex, der richtig sauer ist, als er auch noch mit einem anderen Ermittler zusammenarbeiten soll, den er nicht ausstehen kann; und beide, weil ihnen eine neue Chefin vor die Nase gesetzt wurde, die sie für unfähig halten.

Dazwischen lässt Ohlsson eine Familie verzweifeln, die mit ihrer Gegenwart nicht klarkommt. Nicht klarkommen kann, denn ihr derzeitiges Leben wird mehr oder weniger fremdbestimmt beziehungsweise ferngesteuert. Die Autorin errichtet Strukturen, die für sich betrachtet schon hochkomplex sind. Es scheint daher ganz unmöglich, zwischen ihnen Verbindungen auszumachen. Dass es sie dennoch geben wird, ist kein Geheimnis, aber umso spannender, das Wie, Wo und Warum herauszufinden.

Ja, die 39-jährige Schwedin hat auch in diesem, nunmehr sechsten Band um Recht und Bergman, viel mehr als ihre professionellen Kenntnisse als Expertin für EU-Außenpolitik eingebracht, nämlich psychologisches Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, ungewöhnliche Konstellationen zu schaffen, die nicht konstruiert wirken. Dass sie sich nun von ihrem bewährten und beliebten Ermittlerteam, das sie vor zehn Jahren in "Aschenputtel" erstmals in die Spur schickte, verabschieden will, bedeutet keinen Abschied von Ohlsson-Thrillern.

Ein nicht ganz neuer Typ - der Stockholmer Anwalt Martin Benner - steht schon in der Warteschleife. Bekannt ist der dunkelhäutige Hüne Lesern aus "Schwesterherz" und "Bruderlüge", einem spannenden Opus aus zwei voneinander unabhängigen Teilen, in dem der Verfechter der Gerechtigkeit mal Verdächtiger, mal Opfer, mal Bedrohter und natürlich auch Sieger ist. "Mit Martin Benner bin ich noch nicht fertig", kündigte die Autorin an. "Über ihn will ich noch mehr erfahren." Die Leser vermutlich auch. Sie sollten Fredrika und Alex aber auch noch nicht völlig aufgeben, denn Ohlsson weiß noch nicht genau, ob "Sündengräber" wirklich ein absoluter Abschied war: "Wer weiß? Eines Tages gehen sie vielleicht wieder gemeinsam auf Verbrecherjagd." Das wäre wirklich schön.

- Kristina Ohlsson: Sündengräber, Limes Verlag München, 480 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-8090-2697-6.

Sündengräber