Frankfurt/Berlin (dpa) - Ein ekstatisches Buch über Johann Wolfgang von Goethe machte Bettine von Arnim (1785-1859) schlagartig berühmt. In den Jahren 1807 bis 1811 führte sie einen Briefwechsel mit Deutschlands Dichterfürsten.

"Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" nannte sie ihre 1835 veröffentlichte Schwärmerei. Dabei war sie beim Austausch mit dem damals etwa 60-jährigen Goethe selbst schon Anfang 20.

Die Schriftstellerin, Tochter der reichen Kaufmannsfamilie Brentano, wurde wie Goethe in Frankfurt groß. Später siedelte sie mit ihrem Mann, dem Dichter Achim von Arnim, nach Berlin um. Ihr Mann, mit dem sie sieben Kinder hatte, starb früh. Die 46-jährige Witwe, die sich auch sozial und politisch engagierte, machte dann ihre Unter den Linden gelegene Wohnung zum Treffpunkt für die literarische und intellektuelle Szene.

Jetzt war es Bettine von Arnim, für die die Jungen schwärmten und die sie bewunderten. Einer davon war der Jurastudent und angehende Dichter Julius Döring (1817-1893), der aus dem kleinen Städtchen Wolmirstedt bei Magdeburg in Sachsen-Anhalt stammte.

Beide begegneten sich Anfang 1839 in Berlin. Es entstand ein Briefwechsel - sie kamen sich auf Initiative des 22-jährigen Döring auch körperlich näher. Bettine, die ihre schwarzseidene Witwenrobe nach dem Tod ihres Mannes nie mehr auszog, war damals knapp 54 Jahre alt.

Zehn Tage fuhren sie gemeinsam durch den Harz und nach Kassel, um die Brüder Grimm dort zu besuchen. "Es war keine wilde Liaison, aber es war eine innige Beziehung mit Händchenhalten, Umarmungen und Küssen", sagt Prof. Wolfgang Bunzel vom Freien Deutschen Hochstift in Frankfurt, der bundesweit führenden Forschungsstelle zur deutschen Romantik.

Der Literaturwissenschaftler hat in den vergangenen vier Jahren den Briefwechsel ausgewertet und in mühevoller Archivarbeit die Spuren Dörings verfolgt, über den so gut wie nichts bekannt war. Die Korrespondenz, die jetzt unter dem Titel "Letzte Liebe" in der "Anderen Bibliothek" erschienen ist, gilt als kleine literarische Sensation. Das Buch rückt die Beziehung der beiden zurecht - 180 Jahre später.

Dass Bettine von Arnim als Mentorin dem viel jüngeren Döring zugetan war, war bekannt. Sie selbst machte damals daraus gar kein Geheimnis, obwohl die Beziehung in den besseren Kreisen als höchst unschicklich galt. Doch Biografen haben die einzig bekannte Liebesbeziehung der Witwe bis heute als Laune einer "Frau im Klimakterium" abgetan, wie Bunzel sagt. "Die erotische Dimension wurde unterschlagen."

Daran haben auch die Nachfahren Bettine von Arnims ihren Anteil, da sie lange eine Publikation des Briefwechsels verhinderten. In den 1950er Jahre kam der Nachlass an das Freie Deutsche Hochstift in Frankfurt. Ein Großteil von Bettines Briefen wurde dann 1964 in einem Fachjournal publiziert - allerdings ohne die Antworten ihres Gegenparts Julius Döring.

Im Austausch der beiden geht es wie oft in der Romantik mit Hilfe von Tarn- und Kunstnamen um eine Verknüpfung von Privatem und Öffentlichem. Bettine von Arnim, von der sechs Brief- und Gesprächsbücher vorliegen, wollte auch diese Korrespondenz veröffentlichen. Doch Döring war dagegen. Beide hatten sich nach knapp einem Jahr zunehmend entfremdet - auch weil Döring eifersüchtig auf andere Günstlinge der Dichterin war und sich abfällig über Juden äußerte. Daraufhin zog von Arnim, deren ernst-verträumtes Mädchenporträt bis 2001 die alten Fünf-DM-Scheine zierte, einen eindeutigen Schlussstrich.

Döring wurde dann nie der große Dichter, der er werden wollte. Als Richter kämpfte er aber in Preußen für demokratische Rechte - und nahm dafür sogar die Strafversetzung nach Posen in Kauf. Eine aufrechte Haltung, die Bunzel auch der Politisierung durch Bettine von Arnim zuschreibt.

Döring, der auch sechs Jahre im preußischen Landtag saß, sah seine Liebe nach 1844 nie mehr wieder, wie der Leiter der Romantik-Abteilung am Hochstift sagt. Döring gab aber nicht auf und schrieb der Autorin noch über Jahre hinweg Briefe. Sie blieben jedoch ohne Antwort.

- Bettine von Arnim, Letzte Liebe. Das unbekannte Briefbuch - Korrespondenz mit Julius Döring. Ediert, kommentiert und einem Nachwort versehen von Wolfgang Bunzel, Die Andere Bibliothek, 576 Seiten, Berlin 2019, 42 Euro, ISBN 978-3-847-70413-3.

Letzte Liebe