Mainz (dpa) - Die Liebe zu Büchern hält Shams im Elendsviertel von Bagdad am Leben. Aber Bücher bringen ihn auch ins Gefängnis. Zum zweiten Mal hat der in Berlin lebende Schriftsteller Abbas Khider Erfahrungen im Irak literarisch verarbeitet.

Wie in "Die Orangen des Präsidenten" (2011) verschränkt der Autor auch in seinem jetzt vorgelegten fünften Roman "Palast der Miserablen" Eindrücke im Gefängnis mit solchen vor der Verhaftung. Dabei gerät die im Gefängnis verortete Erzählebene immer knapper und gedrängter, bis nur noch das Schlagen gegen die Zellentür bleibt, als eindringlicher Protest gegen die Freiheitsberaubung durch ein autoritäres Regime.

Als Stadtschreiber in Mainz hatte Khider 2017 davon gesprochen, dass es in diesem Buch um den Arabischen Frühling gehen solle, auch um die Frauenbewegung in der arabischen Welt - aber die Geschichte verändere sich noch laufend. Entstanden ist nun ein sehr dichtes, fesselndes Werk, das die späte Herrschaft von Saddam Hussein aus der Perspektive des kleinen Jungen Shams erzählt, der mit seiner Familie nicht nur ums Überleben, sondern vor allem um seine Menschenwürde kämpft.

Mit präzisen Skizzen, in einer ehrlichen, sehr direkten Sprache, porträtiert der Autor die Familie von Shams. Da gibt es seine so unterschiedlichen Eltern, dann die erst so rebellische, später kläglich scheiternde Schwester Qamer oder ganz am Anfang auch den Großvater Marzoq, der nur sanft war, wenn er im Radio die Stimme der libanesischen Sängerin Fairuz hörte - ihr begegneten die Leser Khiders schon in den "Orangen des Präsidenten". Die bewusst knapp gestalteten Sätze sind immer wieder voll poetischer Kraft, etwa wenn Khider beschreibt, wie er die Liebe zur Literatur entdeckt: "Ich fieberte jedem Freitag und dem Büchermarkt entgegen, als sehnte ich mich nach einem Wiedersehen mit meiner Traumfrau."

Die erwachende Sehnsucht des pubertären Knaben ist es, die Shams zu den Büchern treibt. Erst zusammen mit seinem Klassenkameraden Saad wegen der Fotos von nackten Frauen, dann aber vor allem wegen der Schicksale literarischer Gestalten. Der an Victor Hugos Roman "Die Elenden" (1862) erinnernde Buchtitel bezieht sich auf einen Treffpunkt von regierungskritischen Bücherfreunden in Bagdad und öffnet Shams eine ganz andere Welt.

Ausgerechnet Saad, mit dem Shams auf dem Basar nach Pornoheften gesucht hatte, bringt den Oberstufenschüler aber in Konflikt mit dem allzeit misstrauischen Staat. Inzwischen wirkt Saad wie ein frommer Prediger: "Langer Bart, Gebetskette in der Hand, und in jedem Satz kam "Allah" vor." In Zusammenarbeit mit ihm verkauft Shams eine Zeit lang für illegal erklärte Schriften der schiitischen Aufstandsbewegung im Irak.

Unter dem Druck der zunehmenden Entbehrungen in der Zeit des US-Embargos gegen Saddam Hussein und verstärkter Repression löst sich der "Palast der Miserablen" auf. Den Verkauf der schiitischen Schriften hat Shams schon längst eingestellt, und bei studentischen Treffen trägt er eigene Kurzgeschichten und Gedichte vor. Doch da schlägt der Überwachungsstaat zu, und die beiden Erzählebenen finden zusammen, "als ich eines Abends eine schwere Hand auf meiner Schulter spürte".

Wo sich im Werk Khiders Fiktion und Autobiografie überschneiden, lässt sich nicht genau sagen. Seine Figuren leben aus der Überzeugungskraft authentischer Erfahrungen des Autors. Als Mainzer Stadtschreiber sagte Khider, er spreche nicht gern über seine Erfahrungen im Gefängnis. Aber die deutsche Sprache habe ihm die dafür nötige Distanz gegeben: "Es war etwas Mütterliches dabei, wie eine Art Schutz. Ich hatte danach das Gefühl, ich bin freier geworden."

- Abbas Khider: Palast der Miserablen, Carl Hanser Verlag, München, 319 Seiten, 23,00 Euro, ISBN 978-3-446-26565-3

Palast der Miserablen