Berlin (dpa) - Homers "Odyssee" kann man als Abfolge großer Abenteuer eines gottverlassenen Mannes lesen. Oder man nähert sich dem Epos als eine Geschichte über den verschollenen Vater Odysseus, der nach Krieg und Irrfahrt auf See seiner Frau und dem Sohn nach Jahren ein Fremder geworden ist.

Der Altphilologe Daniel Mendelsohn macht in seinem nun auf Deutsch erschienenen autobiografischen Buch "Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich" das vielleicht wichtigste Werk der Weltliteratur zu einem Spiegel der eigenen Familiengeschichte. Ein formidabel konstruierter Kniff, der im Bücherfrühling seinesgleichen sucht.

Der Inhalt ist schnell erzählt: Der New Yorker Professor gibt ein Seminar über die "Odyssee". Doch diesmal nimmt auch sein betagter Vater Jay teil - was zu einigen skurrilen Momenten führt. Der Vater bietet dem Sohn vor den Studenten regelmäßig die Stirn, gerade in der Betrachtung der Beziehung zwischen dem Sohn Telemachos und dem Vater Odysseus (und unterschwellig auch der zwischen Mendelsohn junior und senior). Als das Seminar endet, reisen die beiden nach Europa, um den Spuren des antiken Helden zu folgen. Über die "Odyssee" begegnen sich beide neu.

Doch anfangs stehen die Zeichen auf Sturm. "Ich glaube nicht, dass er so ein großer Held ist", sagt Jay in der ersten Stunde über Odysseus - und stellt damit das ganze Seminar gleich mal auf den Kopf. Um vor den Studenten nicht als "humorloser Spielverderber" zu gelten, grinst der Sohn. "In Wahrheit dachte ich: Das wird ein Albtraum."

Mendelsohns literarisches Talent und seine erzählerische Präsizision schaffen immer wieder Spannungsbögen, denen man sich nur schwer entziehen kann. Die unverkennbare Liebe des Altphilologen zur etwa 2800 Jahre alten "Odyssee" macht es zudem beinah unmöglich, nicht selbst nebenher zum antiken Epos greifen zu wollen.

Der Autor gilt als einer der bedeutendsten US-Buchkritiker. Er schreibt für die "New York Times" und die renommierte "New York Review of Books". Mit seiner Holocaust-Biografie "Die Verlorenen. Eine Suche nach sechs von sechs Millionen", in deren Mittelpunkt der eigene Großvater steht, landete er einen internationalen Bestseller.

"Eine Odyssee" ist eine ganz persönliche Annäherung an den Vater - ohne jegliche Sentimentalität oder Abgeschmacktheit. Als Mendelsohn auf der Griechenland-Reise einmal vor einer Grotte Panik überfällt, passiert "etwas Erstaunliches": Jay nimmt seine Hand, wie er es seit der Kindheit nicht mehr getan hat. "Ich musste laut lachen", schreibt der Sohn. "Ich schaute mich um, ob uns jemand beobachtete, und dachte dann mit einem komplizierten Gefühl von Erleichterung, dass es jedenfalls so aussehen würde, als habe ich meinen Vater bei der Hand genommen. Er war schließlich derjenige, der gefährdet war."

Mendelsohn selbst legt sein Buch als eine Art Ringkomposition an, wie sie griechischen Werken eigen ist. Er verwebt ineinander die Abenteuer des Odysseus, sein Seminar über das Werk, die Kreuzfahrt mit dem Vater und die Biografie der ganzen Familie. Einmal schreibt er, "dass bestimmte Geschichten am besten nicht geradeheraus erzählt werden, sondern in ausladenden geschichtsschweren Zirkelbewegungen".

Schwülstig und wuchtig ist an "Eine Odyssee" allerdings ganz und gar nichts. Bewundernswert filigran und verschmitzt formuliert Mendelsohn die Dialoge zwischen ihm und seinem Vater. Ausgesprochen geistreich sind auch die Gespräche in den Seminaren, in denen der Professor seine Studenten zum Denken herausfordert. Und mit ihnen die Leser.

Die "Odyssee" sei die Geschichte "über einen Mann, der in die Ferne reist, und eine Ehefrau, die zurückbleibt", schreibt Mendelsohn, "über einen Sohn, der von seinem Vater lange Zeit nicht erkannt wird und nicht erkannt werden kann, bis sie spät, sehr spät zu einem großen Abenteuer aufbrechen". Gemeint ist Homer, aber - und das ist das Faszinierende - immer auch Mendelsohns eigenes Buch.

- Daniel Mendelsohn: Eine Odyssee. Mein Vater, ein Epos und ich, Siedler, München, 352 Seiten, 26,00 Euro, ISBN 978-3-8275-0063-2.

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