Berlin (dpa) – So einen Mord hat es wohl noch nicht gegeben. Gerade sind die Vorbereitungen für die Herzoperation abgeschlossen und der Brustkorb des Patienten geöffnet worden, als ein weiterer renommierter Chirurg den Operationssaal betritt. Ohne sich um die Fragen seiner Kollegen zu kümmern, tritt der Chirurg an den Operationstisch und sticht dem Patienten ein Skalpell mitten ins Herz.

Eigentlich bleibt für die Polizei nichts mehr zu tun. Es gibt zahlreiche Augenzeugen, die ganze Aktion wurde gefilmt, und der Arzt streitet seine Tat auch gar nicht ab. Für Überraschung sorgt allerdings seine Begründung: Der Tote habe vor einiger Zeit im Internet eine sehr negative Kritik über die Privatpraxis des Arztes veröffentlicht, obwohl er gar kein Patient gewesen sei. Daraus habe sich bei ihm ein Hass aufgebaut, den er nicht mehr beherrschen konnte.

Mit dieser ungewöhnlichen Situation beginnt "invisible", der neue von Ursula Poznanski und Arno Strobel gemeinsam geschriebene Thriller. Wie schon im Vorgängerroman "anonym" stehen Hauptkommissar Daniel Buchholz und seine Kollegin Nina Salomon als Ermittler und Erzähler im Mittelpunkt des Romans.

Viel Zeit, sich um die Hintergründe des merkwürdigen Mordes im Hamburger Universitätskrankenhaus zu kümmern, hat das ungleiche Ermittlerteam jedoch nicht, denn weitere Morde erschüttern die Stadt. Ein Wohnungsmakler wird in seiner Wohnung erstochen, und an den Landungsbrücken schlägt ein Mann so heftig mit einem Baseballschläger auf einen anderen ein, dass dieser stirbt. Der Täter sagt aus, sein Opfer überhaupt nicht gekannt zu haben. Aber er konnte sich gegen den Hass auf diesen Mann nicht wehren.

Es scheint, dass ein Unbekannter in der Lage ist, andere so zu manipulieren, dass sie unglaubliche Dinge tun, ohne zu merken, wie sie dort hingebracht werden. Viele Fragen stellen sich den Ermittlern: Wer ist verantwortlich für diese Mordserie, und mit welchen Begründung? Gibt es irgendein Muster, dass Opfer und Täter so verbindet, dass man Rückschlüsse auf weitere Taten ziehen kann? Müssen noch mehr Menschen sterben? Und vor allem: "Wie bringt man jemanden dazu, zum Mörder zu werden?"

Wie bereits in ihrem früheren gemeinsamen Roman "fremd" und "anonym" setzen Ursula Poznanski und Arno Strobel auch in "invisible" auf zwei Erzähler. Abwechselnd berichten Buchholz und Salomon von ihren Ermittlungen. So werden manche Ereignisse aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert und interpretiert, während andere Entwicklungen aus nur einem Blickwinkel dargestellt werden. Zugleich werden die Unterschiede zwischen dem korrekten Buchholz und seiner unkonventionellen Kollegin deutlich.

Lange Zeit tappen die Ermittler im Dunkeln, bis ein kleines, leicht zu übersehendes Detail sie auf die richtige Spur bringt. Die Recherchen führen Buchholz und Salomon auf die Spur einer menschlichen Tragödie, die von den Beteiligten noch längst nicht so weit verdrängt wurde wie gedacht. Fast, aber nur fast, könnte man Verständnis entwickeln für das Vorgehen eines Menschen, der unsichtbar und mit ausgeklügelten Methoden Rache nimmt.

In "invisible" verbinden Poznanski und Strobel Emotionen und moderne Technik zu einem spannenden Krimi, der durch das Zusammenspiel der Hauptfiguren eine gelungene menschliche Ebene unabhängig von der Krimihandlung bekommt.

Ursula Poznanski und Arno Strobel: invisible. Wunderlich Verlag, Reinbek bei Hamburg, 366 Seiten, 14,99 Euro, ISBN 978-3-8052-0015-8

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