Berlin (dpa) - Vivaldis Musik kennt jeder. Seine "Vier Jahreszeiten" sind omnipräsent - und sei es nur als Hintergrundgedudel in Kaufhäusern.

Fast sind sie schon "zum Tinnitus der postindustriellen Gesellschaft" geworden und lösen einen Abwehrreflex aus, findet der Schriftsteller Peter Schneider (79). Man meint also von Vivaldi schon alles gehört und gesehen zu haben. Und doch präsentiert Schneider in seinem Buch "Vivaldi und seine Töchter" einen wenig bekannten Aspekt im Leben des venezianischen Barockmeisters.

Der Venezianer leitete nämlich viele Jahre lang das erste Mädchenorchester Europas. Er unterrichtete Mädchen des Waisenhauses "Ospedale della Pietà". Ein fast revolutionärer Akt, denn seine Schülerinnen waren gleich zweifach diskriminiert, als Mädchen und als Waisen. Vivaldi aber schaffte mit ihnen Außergewöhnliches. Diese Geschichte passt gut zu einem Mann, der in mancherlei Hinsicht gegen die Konventionen seiner Zeit verstieß.

So wurde Antonio Vivaldi (1678-1741) von seinem Vater aus finanziellen Gründen zur Priesterkarriere verdonnert. Doch der wegen seiner roten Haarfarbe "prete rosso" (roter Priester) genannte Gottesmann nahm es mit seinem Gelübde nicht allzu genau. Nach nur anderthalb Jahren las er keine Messe mehr und begründete seinen Widerwillen mit asthmatischen Beschwerden ("Enge der Brust"). Stattdessen widmete er sich mit Hingabe der Komposition von Violinenkonzerten und später ebenfalls sehr erfolgreich von Opern.

Anrüchig in den Augen der Gesellschaft und vor allem der katholischen Kirche war auch Vivaldis mehr oder weniger offenes Zusammenleben mit zwei Frauen. Anna Girò, seine vergötterte Primadonna assoluta, und ihre wesentlich ältere Schwester Paolina begleiteten ihn jahrelang auf seinen Tourneen, was zu allerlei Gerüchten Anlass gab und schließlich sogar die Inquisition auf den Plan rief. Bis heute ist die Forschung uneins darüber, welcher Art genau die Beziehung zwischen Komponist und Sängerin war.

Auch Schneider bleibt hier in der Schwebe. Das Schöne an seinem Buch ist, dass es zum Teil Roman und zum Teil Dokumentation ist. In den fiktionalen Passagen tauchen wir ein in das barocke Spektakel einer Stadt, die ebenso hingerissen ist von der Oper wie vom Karneval, in der leidenschaftlich Intrigen gesponnen werden und ein genialer Künstler wie Vivaldi schnell zum Spielball der Mächtigen wird. Schneider beschreibt das atmosphärisch dicht, schwungvoll und mit dem nötigen musikalischen Feingefühl.

Dann aber tritt er quasi aus der Kulisse heraus, um festzustellen, wie spekulativ die gerade geschilderte Szene ist, denn Genaueres weiß man nicht. So etwa wenn er darüber räsoniert, ob Vivaldis Muse Anna ihn zu den "Vier Jahreszeiten" inspiriert haben könnte: "Den zahllosen Verehrern dieses Werks fällt die Vorstellung schwer, diese Liebeserklärung an das Leben, diese Feier von Frühlingsgefühlen, könne dem Komponisten ohne die Begeisterung für eine irdische Adressatin aus der Feder geflossen sein." Doch die Verehrer folgen wohl nur ihrem Wunschdenken.

Es gibt noch eine weitere Ebene in dem Buch, eine Art Rahmenhandlung. Hier erlebt man den Autor im Gespräch mit dem 2017 verstorbenen berühmten Kameramann Michael Ballhaus. Hintergrund ist ein ursprünglich zusammen mit Ballhaus geplantes Filmprojekt über Vivaldi, für das Schneider das Drehbuch schreiben sollte. Der Film wurde zwar nicht realisiert, stattdessen entstand dieses Buch.

Wirklich filmreif ist übrigens, wie Vivaldi im 20. Jahrhundert wiederentdeckt wurde. Man hält es angesichts der heutigen Popularität des Komponisten kaum für möglich, dass er nach seinem Tod für sehr, sehr lange Zeit völlig vergessen wurde. Erst 1926 wurde ein Großteil von Vivaldis Werken in einer verstaubten Musikaliensammlung von Salesianermönchen in Montferrat entdeckt. Mit der bizarren Rettungsgeschichte und der ebenso romanesken Art des Ankaufs endet Schneiders nicht nur für Vivaldi-Fans lesenswertes Buch.

- Peter Schneider: Vivaldi und seine Töchter, Kiepenheuer&Witsch, Köln, 288 Seiten, 20,00 Euro, ISBN 978-3-462-05229-9.

Vivaldi und seine Töchter