Berlin (dpa) - Der Mauerbau im August 1961 in Berlin war für den Dramatiker Heiner Müller "ein Versuch, die Zeit anzuhalten", was natürlich ausgerechnet in einer Stadt, die dazu verdammt ist, "immerfort zu werden" (Karl Scheffler), vergebliche Liebesmühe ist.

Den Müller-Satz zitiert der 1966 in Leipzig geborene Journalist und Autor Jens Bisky ("Geboren am 13. August"), Spross einer berühmten Familie mit dem Politiker Lothar Bisky und dem Maler Norbert Bisky, in seiner ambitionierten, fast 1000 Seiten umfassenden Geschichte Berlins. Das Buch trägt den Untertitel "Biographie einer großen Stadt" (Rowohlt Berlin), getreu dem Motto, dass die Geschichte Berlins immer neu geschrieben werden muss, erst recht seit dem Fall der Mauer 1989.

Biskys spannend zu lesender Geschichte merkt man den Journalisten als Verfasser an und hat das Zeug, für längere Zeit ein neues Standardwerk zur Geschichte Berlins zu werden. Das trübt der einfallslose Buchumschlag mit dem, wenn auch schräg gestellten Fernsehturm, nur wenig, auch wenn gerade ein solcher Blickfang für die Buchhandlungen nicht ganz unwichtig ist. Das Bild stammt vom Bruder Norbert Bisky.

Es fehlt bisher ja wirklich nicht an gewichtigen Büchern über die Berliner Geschichte, auch legendäre, wie die von Wolfgang Ribbe herausgegebene zweibändige "Geschichte Berlins" zur 750-Jahr-Feier der Stadt 1987, die, anders als bei Bisky, der mit dem Aufstieg zur preußischen Residenzstadt ab 1648, dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, beginnt, auch die frühzeitlichen Ursprünge der Ansiedlungen an der Spree beleuchtet ("Im Osten gelegen, vermutlich undeutschen Ursprungs"). Dort wird von einer "für den Ursprung Berlins bedeutsamen slawischen Geschichte" gesprochen.

Bisky zitiert den Reichskanzler und Reichsgründer von 1871, Otto von Bismarck, wonach der Berliner "so wenig mit den Deutschen zu verwechseln" sei wie der Pariser mit den Franzosen. Bismarck meinte den "Schmelztiegel" der Metropole Berlin, deren (späte) Hauptstadtfunktion vor allem immer durch die Mischung der "Landsmannschaften" geprägt war und den Großstädter neuen Typs wie in London, New York oder Chicago hervorbrachte und der selten den typischen Nationalcharakter verkörperte. Was zur Folge hatte, dass Deutschland eher skeptisch auf seine exzentrische junge Hauptstadt blickte ("Parvenü unter den alten europäischen Hauptstädten"). Der "Kanzler der Einheit" von 1990, Helmut Kohl, sprach der Stadt aber dessen ungeachtet eine "nationalgeschichtliche Schlüsselrolle" zu, wie Bisky betont, eines der entscheidenden Argumente beim Streit um den Regierungs- und Parlamentsumzug von Bonn nach Berlin.

Für Bisky lassen sich schon in frühen Jahren drei Muster der Berliner Geschichte seit 1648 erkennen - der Gegensatz zwischen der Pracht der preußisch-brandenburgischen Residenz und städtischer Ohnmacht, die herausgehobene Rolle der Zuwanderer und das "Schielen" nach auswärtigen Vorbildern. Das "moderne Babel", wie Berlin später immer wieder gerne genannt wird, verdankt seinen Ruf nicht zuletzt den "Fremdheitserfahrungen" durch Flüchtlinge und Zuwanderer, von Schlesien, Osteuropa oder Frankreich, von wo die Hugenotten wie die Familie von Theodor Fontane stammte - und so manche sprachliche Einfärbungen (der Berliner hat "die Neese pläng" - "plein", französisch "voll").

"Das geistige Leben einer Stadt hängt von Kontakten nach draußen ab", betont denn auch Bisky in seinem Buch. Man musste nicht in Berlin geboren sein, um hier Karriere zu machen oder die Stadt zu prägen wie Moses Mendelssohn, Friedrich Schinkel, Max Reinhardt, Christoph Schlingensief oder Herbert von Karajan. Scherl, Mosse und Ullstein schufen die Zeitungsstadt Berlin, nach 1945 prägten Schriftsteller wie Günter Grass, Herta Müller, Uwe Johnson, Max Frisch und Hans Magnus Enzensberger das Dichterviertel Friedenau in Berlin und der Hamburger Wolf Biermann machte seine Ost-Berliner Wohnung zum stasi-beäugten Künstlertreff (bis zu seiner spektakulären Ausweisung aus der DDR 1976). Demgegenüber steht die lange Liste der von den Nazis aus der Stadt Vertriebenen, von Albert Einstein und Bertolt Brecht über Heinrich Mann bis Alfred Döblin, der immerhin den Alexanderplatz zu literarischem Weltruhm verhalf.

Was den so oft gepriesenen "Berliner Freigeist" und "Unwillen" angeht, ist es zwar richtig, dass Hitler und andere NS-Führer die Stadt nicht mochten (Hitler war zur 700-Jahr-Feier Berlins lieber in Bayreuth) und sie es bei den ersten Reichstagswahlen in Berlin auch schwer hatten, aber es war eben auch nicht die "braune Provinz", die Berlin eroberte und besetzte, wie Bisky hervorhebt. Es hätten sich auch in Berlin genügend Aktivisten gefunden, die Anpassung, Gleichschaltung und Unterwerfung vorantrieben, auch in der so genannten "intellektuellen Elite". So sei es zum Beispiel erstaunlich leicht gelungen, die einst ehrwürdige und renommierte Preußische Akademie der Künste auf Linie zu bringen und Mitglieder wie Thomas Mann und Käthe Kollwitz "loszuwerden".

Bisky beschreibt auch ausführlich die stadtpolitische und verkehrstechnische Entwicklung Berlins mit dem bis dahin beispielhaften Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs mit S- und U-Bahn-Bau schon um 1900, als eine U-Bahn-Linie nahe dem Gleisdreieck in Schöneberg sogar durch ein Mietshaus geführt wurde (bis heute, und auf einem der zahlreichen, im Abdruck manchmal zu düster wirkenden schwarz-weiß-Fotos zu sehen). Mit dem "Groß-Berlin-Gesetz" von 1920 von Frohnau im Norden bis Zehlendorf im Süden, von Spandau im Westen bis Köpenick im Osten war Berlin zur damals drittgrößten Stadt der Welt geworden, und auch zu einer der grünsten und wasserreichsten Metropolen an Spree und Havel mit Grunewald, Wannsee und Müggelsee.

Spätere stadtplanerische Verkehrssünden hatten auch in der motortechnischen Euphorie ihren Ursprung, wonach sich die "Automobilisten austoben" sollten, was auch nach 1945 beim Wiederaufbau des "Schutthaufens bei Potsdam" (Bertolt Brecht) noch eine Rolle spielen sollte. Bisky sieht denn auch nicht nur in diesem Bereich in Berlin Beispiele für "den auch in Demokratien anzutreffenden Größenwahn". Auch die Wohnungsfrage blieb ein Berliner Problemfall, sie hatte schon im 19. Jahrhundert zu sozialpolitischen Unruhen geführt. Sie steht auch im wiedervereinigten Berlin auf der Tagesordnung, wo der Immobilienboom zu Milieu-Verdrängungen führt und zum Beispiel ganz aktuell sogar das älteste Kino der Stadt, das 1907 eröffnete "Moviemento" in Kreuzberg, bedroht, in dem der Regisseur Tom Tykwer ("Lola rennt") als Filmvorführer angefangen hat.

Schwelende Krisen der Gesellschaft zeigten sich bisher am deutlichsten in Berlin als der größten deutschen Stadt, betont Bisky in seiner Stadtgeschichte, und erinnert an die Unruhen vor der 1848er Revolution, an die turbulenten Gründerjahre nach 1871 mit ihren Verwerfungen (und Firmen- und Börsenpleiten) sowie an die Weimarer Republik, die nicht nur Straßenunruhen, sondern auch große Korruptionsskandale erlebte, wie auch das Berlin nach 1945. Die Stadt blieb "Faszinosum und Schreckbild gleichermaßen", resümiert Bisky in seiner "Biographie einer großen Stadt". Kultur- und Partymetropole stehen für das erste, Bau- und Finanzskandale und der ruppige Berliner Umgangston für das andere. "Ob Berliner so sein müssen, weiß ich nicht", meinte der aus Breslau, dem heutigen polnischen Wroclaw, stammende Berliner Kabarettist Wolfgang Neuss ("Der Mann mit der Pauke"). "Aber dass Berliner sein müssen, das steht fest."

- Jens Bisky: Berlin. Biographie einer großen Stadt, Rowohlt Berlin Verlag, 975 Seiten, 38 Euro, ISBN 978-3-87134-814-3.

Berlin. Biographie einer großen Stadt