Tiflis (dpa) – Eine trostlose Plattenbauanlage, ein hitzegeladener Sommer, ein gelangweilter Hausmann. Der arbeitslose Georgier Surab zählt die Tage, Stunden und Minuten. Aus Langeweile beginnt er den neuen Mieter im gegenüberliegenden Haus zu beobachten.

Zuerst blickt er auf den jungen Mann nur zufällig, schließlich wird es zu seiner heimlichen nächtlichen Obsession.

Mit einer Kamera bewaffnet observiert Surab stundenlang seinen unbekümmerten Nachbarn und notiert akribisch dessen Leben. Wer ist der Mann? Und vor allem: Wer ist sein heimlicher Liebhaber, der ihn beinahe jede Nacht besucht? Surab erfährt alles über seinen Nachbarn. Auch ein Verbrechen mitten ihn der Nacht bleibt ihm bei seinen geheimen Beobachtungen nicht verborgen. Dabei ziehen sein eigenes Leben, das Zeitgeschehen, Demonstrationen und die politische Wirren bei Tagesanbruch komplett an ihm vorbei.

Davit Gabunias Debütroman "Farben der Nacht" spielt im Sommer 2012. Es ist eine Zeit, in der die kleine aufstrebende Ex-Sowjetrepublik Georgien am Kaukasus wieder einmal einen grundlegenden Machtwechsel erlebt. Tägliche Demonstrationen dominieren die Schlagzeilen, der Milliardär Bidsina Iwanischwili kommt an die Macht. Schauplatz des Romans aber ist nicht die große Politik, sondern in erster Linie die Wohnung von Surab und seiner Frau Tina, die beide ganz unbemerkt in die politischen Wirren geraten. Das Buch "Farben der Nacht" ist ein kontroverses Fundstück, spannender Thriller und gleichzeitig Liebes- wie Politikroman.

Der 36-Jährige ist in Georgien am Schwarzen Meer bereits sehr bekannt. In den vergangenen Jahren zählte er zu den erfolgreichsten Autoren des Landes. Zuvor übersetzte er neben Shakespeares Werken auch einige Bände der Harry-Potter-Reihe in seine Muttersprache. Er erhielt Theaterpreise und wurde auch bei internationalen Engagements geehrt. Anlässlich der Frankfurter Buchmesse, bei der Georgien in diesem Jahr Ehrengast ist, wird auch Gabunias Roman in Deutschland vorgestellt.

Dass er ausgerechnet jetzt so ein politisches Werk veröffentlicht, sei kein Zufall, sagt Gabunia. Seit Jahren spüre man in der Kaukasusrepublik den Wunsch, auch die jüngere Geschichte aufzuarbeiten und Wertvorstellungen zu hinterfragen. "Die Menschen in Georgien glauben, heutzutage offen über alles sprechen zu können: Politik, Gefühle oder auch Homosexualität. Das ist aber absolut nicht der Fall", sagt Gabunia der Deutschen Presse-Agentur. Revolution und das Streben Richtung Westen hätten zwar einiges verändert, doch noch immer werde viel hinter einem konservativen Vorhang versteckt.

Gabunia zeigt die politische Zäsur und den Wandel in seinem Land anhand weniger Protagonisten. Dabei erzählt er dieselbe Geschichte aus mehreren Perspektiven. Er bringt so raffiniert ein vielschichtiges Abbild einer Gesellschaft zum Vorschein, die aus Angst vieles lieber im Verborgenen lassen will - mit fatalen Folgen.

- Davit Gabunia: Farben der Nacht. Rowohlt Berlin, 192 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-737100410.

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Farben der Nacht