Berlin (dpa) - Kall in der Eifel, inmitten des wilden Urftlandes, nahe an der belgischen Grenze: In diesem ehemaligen Bergarbeiterstädtchen spielen seit vielen Jahren die Romane von Norbert Scheuer. Der 1951 geborene Autor findet an der kargen Peripherie das ganze Universum.

Aus immer neuen Blickwinkeln erzählt er von Menschen und Zeiten, gräbt sich mit seinen Geschichten tief in die Vergangenheit hinein. Schon 2009 stand sein Wirtshausroman "Überm Rauschen" auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Jetzt wurde Scheuer für sein neues Werk "Winterbienen" mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet, und auch für den Deutschen Buchpreis steht er in der Endauswahl.

Diesmal geht es zurück in das letzte Jahre des Zweiten Weltkrieges. Der Protagonist Egidius Arimond, ein aus dem Schuldienst entlassener Lehrer, führt Tagebuch. Er ist an Epilepsie erkrankt, muss teure Medikamente einnehmen, die aber immer knapper werden. Als Imker findet er ein karges Auskommen, die Zucht und Pflege seiner Bienen wird für den Außenseiter zum Lebensinhalt. Egidius wird argwöhnisch beäugt im Ort. Die meisten Männer sind an der Front, und der Imker lässt sich auf diverse Liebschaften ein. Als er Charlotte, die Frau des NS-Kreisleiters kennenlernt, wird die Situation brandgefährlich für ihn.

Noch gefährlicher sind die Rettungsaktionen, die Egidius unternimmt. In speziell präparierten Bienenstöcken schmuggelt er im Auftrag einer ihm unbekannten Organisation Juden über die Grenze nach Belgien. Dafür wird er bezahlt und das Geld benötigt er auch dringend, um seine Krankheit im Zaum zu halten. Die verfolgten Menschen versteckt er vor dem Transport in einem unterirdischen Stollensystem. Aber am Ende des Jahres 1944 wird die Situation im Dorf immer verzweifelter, die Luftangriffe nehmen zu, viele Zivilisten sterben.

In eher kurzen Tagebuchnotaten entwirft der Roman das düstere Panorama einer Endzeit, in der Werte wie Humanität und Solidarität längst nichts mehr wert sind. Nur bei seinen Bienenvölkern und in der Bibliothek findet Egidius so etwas wie eine Gegenwelt zum alltäglichen Grauen. Er stößt auf die Aufzeichnungen eines Benediktiners, der bereits im Spätmittelalter erstaunliche Kenntnisse über die Bienen gesammelt hatte. Aber auch dieser Mann gerät mit der Obrigkeit in Konflikt, verliebt sich in ein Bauernmädchen und verlässt seinen Orden. Die Erzähl-Archäologie in "Winterbienen" geht sogar noch weiter zurück bis zum Theologen und Humanisten Nikolaus von Kues (1401-1464), auch er ein Gegenpol zur Barbarei des 20. Jahrhunderts.

Was bleibt, stiften die Bienen. Diese im Moment wieder hochgeschätzten Schwarmwesen leben seit Urzeiten in ihren Völkern, ein großer Trost für Egidius: "Ich besuche die Bienen, lege wieder mein Ohr an ihre Stöcke, und höre sie ganz leise summen, jeder Stock mit einer anderen, eigene Melodie." Eine ganz andere Tonart hat der Krieg, die dröhnenden Bombenangriffe lassen die Natur kollabieren. Norbert Scheuers Sohn hat dreizehn Illustrationen von Jagdbombern beigesteuert. Auf diesen Zeichnungen wirken die todbringenden Flugzeuge wie monströse, bösartige Insekten, stählerne Antipoden der friedlichen Bienenvölker.

Norbert Scheuer, Winterbienen, C.H. Beck Verlag München 2019, 319 S., 22 Euro, ISBN 978-3-406-73963-7

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