Mainz (dpa) - Ein Hauch von Moskau kommt nach Mainz: Der neue Stadtschreiber Eugen Ruge bietet seinen Lesern mit dem Roman "Metropol" einen ebenso eindringlichen wie beklemmenden Einblick in die Zeit der Stalin-Diktatur, authentisch vermittelt über Dokumente seiner Großmutter.

Bei der Entscheidung für ihren Literaturpreis würdigten die Stadt Mainz sowie die Fernsehsender ZDF und 3sat den Romanautor und Regisseur als "Meister im Schildern von Familienbeziehungen und Lebensentwürfen, geschrieben in einer klaren Sprache mit souveränem Gespür für Dialoge, Tempo und Pointe".

"Ich erfinde, ich unterstelle, ich probiere aus", erklärt der 65-Jährige im Epilog seines jüngsten Romans zu seinem Schreibprozess. "Denn nichts anderes heißt Erzählen: ausprobieren, ob es tatsächlich so gewesen sein könnte." Möglich werde diese Form des Ausprobierens der Wahrheit weil Autor wie Leser "imstande sind, sich in einen anderen Menschen hineinzuversetzen". Damit ist letztlich Empathie die Grundlage fürs Romanschreiben wie fürs Lesen.

In "Metropol" wie in Ruges erstem Roman zu seiner Familiengeschichte, "In Zeiten des abnehmenden Lichts", werden die Leser schnell mitgenommen und gefesselt. Dabei ist der Handlungsstrang in "Metropol" eher ereignisarm, wird nur strukturiert von immer neuen Festnahmen der stalinistischen "Säuberungen" und der Angst der verbleibenden Funktionäre, wann sie wohl an der Reihe sind. Der Spannungsaufbau wird gegen Ende des Romans fast unerträglich, wenn Charlotte, die Großmutter des Autors, nachts das Klopfen an der Tür hört. "Da wird die Tür auch schon geöffnet. Es ist nicht ihre Tür. Es ist das Nebenzimmer."

Der Autor hat im russischen Staatsarchiv Dokumente der Zeit zusammengetragen und im Buch integriert. Er hat das Zimmer im Hotel gebucht, in dem seine Großmutter mit ihrem Partner 477 Tage lange lebte. Und so eine Wirklichkeit geschaffen, in der Geschichte und Fiktion nahtlos miteinander verbunden sind. Nun darf man gespannt sein, welche Orte in Mainz den Schriftsteller zu neuem Schreiben inspirieren werden. An diesem Freitag wird er offiziell zum Stadtschreiber gekürt.

Der zweite Teil der Auszeichnung besteht aus einem Preisgeld von 12.500 Euro. Und Ruge kann sich dem Medium des bewegten Bilds neu zuwenden, nachdem sein Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts", für den er den Deutschen Buchpreis erhielt, 2017 verfilmt wurde, mit Bruno Ganz in seiner letzten Rollen. Denn die Preisstifter wünschen sich auch eine Filmdokumentation nach freier Themenwahl.

2018 entstand so ein einfühlsames Feature von Anna Katharina Hahn über Tauben in Städten. Im vergangenen Jahr produzierte Ruges Vorgängerin Eva Menasse ein Filmgespräch mit dem österreichischen Schriftsteller Robert Schindel.

Mainzer Stadtschreiber