Rom (dpa) - Die Themen, die Claudio Magris abseits von Literatur und Sprache umtreiben, sind akuter denn je. Die Europäische Union steht vor einer richtungsweisenden Europawahl, und täglich gibt es neue Nachrichten über das Brexit-Drama.

In dieser Gemengelage feiert der italienische Schriftsteller, stets ein Kämpfer für ein vereintes Europa und ein profilierter Deutschland-Kenner, an diesem Mittwoch (10. April) seinen 80. Geburtstag.

"Ich betrachte mich als europäischen Patrioten, und ich habe immer von der Bildung eines wahren europäischen Staates geträumt - dezentral, föderal, aber ein wahrer Staat mit einer Verfassung und allgemeingültigen Gesetzen, mit einer Sozial- und Finanzpolitik und so weiter", sagt Magris der Deutschen Presse-Agentur. "Das ist eine Vision, die nicht nur auf einer gemeinsamen kulturellen Tradition, auf einigen essenziellen gemeinsamen Werten (...), sondern auf der konkreten Realität aufbaut."

Ein Problem betreffe längst nicht mehr nur ein Land, eine Region oder eine Stadt - und dafür brauche es entsprechend eine politische und juristische Antwort. Doch heute erscheine all das in immer weiterer Ferne. "Die Europäische Union ist ungelenk, zögerlich, innerlich in Tausende Blöcke und Tausende Partikularinteressen unterteilt, unfähig, starke Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für die gemeinsamen Probleme zu übernehmen."

Magris wird vielfach als der geborene Grenzgänger bezeichnet. 1939 kam er in der italienischen Hafenstadt Triest zur Welt, wo auch viele seiner Essays und Romane entstanden. Die kosmopolitische Stadt liegt an der Grenze zwischen romanischem, germanischem und slawischem Kulturraum, und das prägte nicht nur seine Persönlichkeit, sondern auch sein Schaffen.

Was Magris schreibt, schreibt er für ein Europa der Vielfalt. Sein Roman "Blindlings" (2005, dt. 2007) zum Beispiel setzt sich mit der schwierigen europäischen Seele von der Antike bis zur Gegenwart auseinander. In "Ein anderes Meer" (1991, dt. 1992) erlebt die Romanfigur Enrico Mreule die Umwälzungen in Magris' europäischer Heimatregion: Vor dem Ersten Weltkrieg geht der junge Mann aus Görz (Gorizia) nach Argentinien und kehrt 1921 in eine völlig veränderte Welt mit neuen Staaten und neuen Grenzen zurück. Er erlebt den Faschismus und landet als Italiener nach einer abermaligen Grenzverschiebung nach dem Zweiten Weltkrieg in einem jugoslawischen Internierungslager.

Deutschland ist für Magris "eine zweite Heimat" - seine Verbindung ist tiefgreifend. Lange Jahre lehrte er als Professor Deutsche Sprache und Literatur in Triest und gilt als einer der bedeutendsten italienischen Germanisten. "Die deutsche Sprache ist natürlich nicht meine Muttersprache, aber sie ist auch nicht einfach eine Fremdsprache, die ich spreche und kenne, sondern eine Art Muttersprache Nummer zwei, und sie beinhaltet auch viele Dinge meiner Art und Weise, die Welt zu sehen", sagt Magris, dessen Mutter Deutsch sprach. Er selbst studierte Germanistik in Turin und Freiburg. Er betreute auch die Übersetzung vieler deutschsprachiger Autoren ins Italienische, darunter Georg Büchner.

"Deutschland bedeutet Freunde, Menschen, die Städte, in denen ich gelebt habe, angefangen bei den Jahren in Freiburg, die nicht nur für meine germanistische Bildung unvergesslich sind, sondern für so viele Dinge in meinem Leben und für mein Lebensgefühl." Magris nennt auch das geteilte Berlin, München oder den Schwarzwald - um einige seiner Stationen zu aufzuzählen. Die deutsche Literatur und Philosophie hätten seine Sichtweise auf die Welt, das Leben und die Politik zutiefst geprägt.

Als sein bekanntestes Buch gilt "Danubio", eine literarische Reise entlang der Donau. Neben dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt Magris zahlreiche andere Auszeichnungen. Den Premio Strega, Italiens bedeutendsten Literaturpreis, holte er 1997. Hinzu kommen der spanische Prinz-von-Asturien-Preis (2004) und der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur (2005). 2012 ehrte ihn Deutschland mit dem Großen Bundesverdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik. Immer wieder wurde Magris auch für den Literaturnobelpreis gehandelt. Einen Namen machte sich der Vater zweier Kinder in seiner Heimat auch als Essayist und Kolumnist der Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera".

Seinem 80. Geburtstag misst Magris wie allen anderen Geburtstagen keine große Bedeutung zu. Er stellt aber fest, dass es schmerze, im Laufe der Zeit und während des Älterwerdens Weggefährten zu verlieren. "Doch diese Weggefährten und Weggefährtinnen haben wir nicht verloren; ich spüre sie in gewisser Weise an meiner Seite, ich spreche über sie in der Gegenwart und nicht in der Vergangenheit, so wie ich sage, dass Goethe ein Dichter ist, nicht, dass er ein Dichter war, als habe er aufgehört, es zu sein."

Hanser Verlag zu Claudio Magris

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