Berlin/Cannes (dpa) - Patricia Highsmith ist noch nicht berühmt, als sie eine schicksalhafte Begegnung hat.

Im Winter 1948 jobbt die junge Schriftstellerin in der Spielzeugabteilung des New Yorker Kaufhauses Bloomingdale's. Eine blonde Frau im Nerzmantel kauft dort eine Puppe. Highsmith sieht sie und ist ganz benommen, wie knapp vor einer Ohnmacht, erinnert sie sich später. Danach erfindet sie die Liebesgeschichte zu Carol.

Die Bücher von Patricia Highsmith (1921-1995) sind schon oft verfilmt worden. Alfred Hitchcock kaufte gleich ihren Erstling für Zwei Fremde im Zug. Später folgten Nur die Sonne war Zeuge mit Alain Delon, Wim Wenders Der amerikanische Freund oder Der talentierte Mr. Ripley mit Matt Damon. Nun ist das Kultbuch Carol an der Reihe, am 17. Dezember startet die Verfilmung im Kino. Bei den Golden Globes gab es gleich fünf Nominierungen. Regie führt Todd Haynes. Cate Blanchett (46) spielt die Titelrolle der mondänen, verheirateten Frau, Rooney Mara (30) die junge Verkäuferin namens Therese.

Carol ragt unter den literarischen Thrillern heraus, dem Markenzeichen von Highsmith, die damit stilprägend war, nicht nur für den Diogenes Verlag. Das Frühwerk ist vielleicht ihr persönlichstes Buch. Highsmith veröffentlichte es 1952 unter Pseudonym. Sie wollte nicht als Autorin lesbischer Bücher etikettiert werden.

Als Taschenbuch wurde es ein Bestseller. Unerhört war damals: Die Geschichte des Frauenpaares hat eine Art Happy End. Bis zu diesem Buch mussten weibliche wie männliche Homosexuelle ihre Neigungen büßen, indem sie sich die Pulsadern aufschnitten, sich in einem Swimmingpool ertränkten oder indem sie zu heterosexuellen Beziehungen überwechselten, wie man das damals nannte, oder allein, elend und gemieden, in qualvolle Depressionen fielen, schrieb Highsmith später in einem Nachwort. Sie bekam viel Post, von dankbaren Frauen wie Männern.

Die Zeiten waren prüde und homophob. Es waren die Jahre des Kommunistenjägers Joseph McCarthy, der Homosexuelle als Sicherheitsrisiko sah, wie der Highsmith-Biograf Andrew Wilson erklärt. Wilson recherchierte auch die Geschichte der wahren Carol, die auf einem Bild an einen Filmstar erinnert. Kennengelernt haben sich die beiden Frauen wohl nie. Die Handlung des Romans, der Krimi- und Roadmovie-Elemente hat, ist ausgedacht. Carols Ehemann setzt darin im Streit um das Sorgerecht für die Tochter einen Detektiv auf das Paar an.

Highsmith bekannte sich erst mit der Diogenes-Neuauflage 1990, nach fast vier Jahrzehnten, die Autorin hinter dem Pseudonym Claire Morgan zu sein. Der Literaturwissenschaftler Paul Ingendaay fasst zusammen, was für ein Mensch Highsmith war, als der Roman entstand: eine lesbische junge Frau, hochbegabt, besessen vom Schreiben, belagert von Depressionen und umspült vom Alkohol.

20 Jahre ist der Tod von Highsmith her. Viele Anekdoten ranken sich um sie: Etwa, dass sie in ihrer Handtasche Hunderte von ihren geliebten Schnecken samt Salatkopf ausführte. Sehr begabt, aber menschenscheu soll Highsmith gewesen sein. Dieses Jahr erschien eine mehr als 1000 Seiten dicke neue Biografie. Sie trägt den Titel Die talentierte Miss Highsmith und beginnt mit dem Satz: Sie war nicht nett.

Ihre mehr als 20 Romane und Kurzgeschichten werden schon lange besonders in Deutschland gefeiert. Wahrscheinlich hätte ich niemals einen Kriminalroman geschrieben, wenn mir die Highsmith nicht ein Scheunentor aufgestoßen hätte schrieb Ingrid Noll 1995 im Spiegel-Nachruf.

Der Diogenes Verlag, der auch die Filmrechte hat, brachte nun Carol mit Cate Blanchett auf dem Cover heraus. Es kommen noch weitere neue Highsmith-Filme: Der Stümper (Regie: Andy Goddard) ist laut Diogenes bereits abgedreht. Ben Affleck, David Fincher und Gillian Flynn planen demnach ein Remake des Klassikers Zwei Fremde im Zug. Und der Krimi-Schurke Tom Ripley soll zum Stoff einer amerikanischen Serie werden.

Wie hätte die Autorin auf Carol reagiert? Der Verlag zitiert ihre langjährige Lektorin Anna von Planta: Wahrscheinlich nicht gesagt, aber gedacht hätte sich Patricia Highsmith, dass der Roman - wie der Film beweist - jetzt so gelesen wird: als Falling in Love zwischen zwei von der Liebe überrumpelten starken und wunderschönen Frauen - so wie Highsmith war und aussah, als sie sich Anfang der 50er Jahre das Buch nach einer stürmischen Begegnung in fiebrig-euphorischem Zustand niederschrieb.