Berlin (dpa) - Die Standarderzählung aus dem Geschichtsunterricht geht ungefähr so: Am Anfang betätigte sich der Mensch als Jäger und Sammler. Es war eine gefahrenvolle und harte Existenz. Dann wurde er sesshaft und erklomm als Bauer eine neue Stufe der Zivilisation, auf der als Krönung schließlich die Staaten entstanden. Doch was, wenn diese Heldenerzählung gar nicht stimmt?

In seinem Buch "Die Mühlen der Zivilisation" schreibt der renommierte US-Anthropologe James C. Scott die Geschichte um. Bei ihm werden aus den "Barbaren" die eigentlichen Gewinner der Geschichte. Denn ihnen blieb vieles erspart: Epidemien und Zivilisationskrankheiten entstanden nämlich erst, als der Mensch sesshaft wurde, und auch die Knute des Steuereintreibers mussten Nomaden nicht fürchten. Diese wiederum bedienten sich durch Plünderungen und Überfälle clever am Besitz der Sesshaften. Scott sieht in der Zeit bis 1600 sogar ein "goldenes Zeitalter der Barbaren". Man muss diese Theorie nicht unbedingt teilen, um dieses Buch wegen seiner neuen Denkanstöße zu schätzen.

James C. Scott: Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten, Suhrkamp Verlag, Berlin, 329 Seiten, 32, 00 Euro, ISBN 978-3-518-58729-4