München (dpa) - Der Islam gilt vielen Menschen im Westen als sexual- und frauenfeindlich, während man sich selbst für tolerant und aufgeklärt hält. Doch diese Sicht ist allzu schematisch. Das Buch des islamischen Theologen Ali Ghandour "Liebe, Sex und Allah" hält hier erstaunliche Erkenntnisse bereit. Ursprünglich waren muslimische Gesellschaften nämlich keineswegs so prüde.

Das Verhältnis zu Lust und Erotik war entspannt, Sex im öffentlichen Leben präsent. Über die Jahrhunderte existierte eine offenherzige erotische Literatur, und auch die Ehe war nicht so streng reglementiert, gab es doch auch sogenannte "Genussbeziehungen". Es war dann ausgerechnet der Westen beziehungsweise der Kolonialismus, der dies änderte. Ab dem 19. Jahrhundert orientierte sich die muslimische Elite am Vorbild westlicher Länder mit ihrer strengen christlichen Sexualmoral. Dies und der Einfluss von Stammesgesellschaften mit archaischen Ehrbegriffen unterdrückten das erotische Erbe der Muslime. Ein Buch gegen Vorurteile und für einen neuen offenen Blick auf den Islam.

Ali Ghandour: Liebe, Sex und Allah. Das unterdrückte erotische Erbe der Muslime, C.H.Beck Verlag, München, 218 Seiten, 16,95 Euro, ISBN 978-3-406-74175-3