Hamburg (dpa) - Er ist der Schöpfer von Ballett-Klassikern wie "Dornröschen", "Der Nussknacker" und "Schwanensee": Am 11. März feiert die Ballettwelt den 200. Geburtstag des französisch-russischen Choreografen Marius Petipa (1818-1910).

Noch heute tanzen Compagnien in aller Welt seine Kreationen, auch Hamburgs Ballettintendant John Neumeier ließ sich von ihm zu zahlreichen Choreografien inspirieren. Im Interview der Deutschen Presse-Agentur erklärt der weltbekannte Choreograf, warum Petipa eine so wichtige Rolle spielt.

Frage: Welche Bedeutung hat Marius Petipa für das klassische Ballett? Ist sein Einfluss auch heute noch zu spüren?

Antwort: Marius Petipa hat mit seinem Stil das geprägt, was wir "klassisches Ballett" nennen. Durch die jahrzehntelange Tätigkeit als Ballettmeister und Choreograf der Kaiserlichen Theater in St. Petersburg übte er einen überragenden Einfluss auf die Entwicklung des Balletts aus. Über Jahrhunderte war es in Europa selbstverständlich, die neuesten Trends in der jeweiligen Kunstsparte als höchste Entwicklungsstufe zu verstehen. Der Begriff "Klassisches Ballett", den wir mit Petipa assoziieren, weist seinem Stil eine Sonderstellung jenseits dieses Deutungsmusters zu – und erklärt ihn zu etwas zeitlos Gültigem.

Genau hier sehe ich den Anknüpfungspunkt für meine eigene Arbeit. Schon immer wollte ich möglichst viel über diejenigen erfahren, die die Ballettwelt vor mir geformt haben: die Tänzer und Choreografen, deren legendäre Schritte mich auf meinem Weg bis heute "begleitet" haben. Auf diesen Erfahrungsschätzen der Vergangenheit habe ich meine eigene künstlerische Vision aufgebaut, nicht nur als Choreograf, sondern auch als Intendant meiner Ballettcompagnie: Jeder Tag beim Hamburg Ballett beginnt mit einem klassischen Training. Ich bin der Ansicht, dass die Beherrschung dieser traditionellen Bewegungsabläufe meine Tänzer in die Lage versetzt, im wahrsten Sinn kreativ zu sein und mit mir als Choreograf Neues zu schaffen – ohne dass unser Handlungsspielraum durch technische Schwierigkeiten eingeengt wäre.

Frage: Was hat Sie dazu inspiriert, eigene Kreationen zu Petipas Balletten wie "Der Nussknacker" und "Schwanensee" zu schaffen?

Antwort: Die klassische Technik und das Repertoire, das unsere "Vorfahren" hinterlassen haben, sind mir persönlich sehr wichtig. Allerdings hat es mich nie überzeugt, die Klassiker einfach nur nachzuspielen und sie wie in einem Museum "auszustellen". Als kreativer Choreograf wollte ich den Kern dieser Werke bewahren und sie zugleich neu deuten, so dass sie auch modernen Ansprüchen an eine zeitgemäße Dramaturgie genügen würden.

Bei diesen Überlegungen darf man nicht vergessen, dass gerade die Musik ein zentraler Ausgangspunkt für jede meiner Kreationen ist. Es ist daher kein Zufall, dass Sie zwei Ballett-Titel nennen, deren Musik von Peter Tschaikowski stammt. Diese Kompositionen haben eine – im Vergleich zu den Ballettmusiken seiner Zeitgenossen – revolutionäre Eigenständigkeit und Ausdrucksqualität. Ohne sie wären meine Neufassungen undenkbar!

Mein Ballett "Der Nussknacker" ist eine Hommage an die große Tradition des klassischen Balletts. Ich habe die Figur Drosselmeier so detailliert wie möglich nach der historischen Person von Marius Petipa modelliert. Eine zentrale Szene ist sogar konkret inspiriert von Fotografien der berühmten Ballerina Anna Pawlowa und ihrem Lehrer Enrico Cecchetti: als Pas de deux in der Art eines klassischen Balletttrainings, ausgehend von Übungen an der Stange.

Während ich in diesem Werk die traditionelle Handlung neu entwarf und anschließend mit "klassischen" Elementen anreicherte, habe ich in meinem Ballett "Illusionen – wie Schwanensee" eine Rekonstruktion des so genannten "weißen Schwanenaktes" als Zitat beibehalten. Im Vergleich zum epochalen "Schwanensee" von Marius Petipa und Lew Iwanow ist der dramaturgische Rahmen völlig neu konzipiert, auch wenn ich das zentrale Thema – die vergebliche Suche nach der idealen Liebe – beibehalten habe. Der König, eine Figur mit Charakterzügen Ludwigs II., erlebt den weißen Schwanenakt als Privataufführung, in deren Verlauf er restlos in eine Traumwelt eintaucht. Wie so viele Versuche des Königs, seinem Leben Erfüllung und Sinn zu verleihen, bleibt die Identifikation mit der Schwanenprinzessin – eine Illusion.

Frage: Welche Werte schätzen Sie an Petipa besonders?

Antwort: Mich beeindruckt zuallererst die Lebensleistung von Marius Petipa, der ein wahrhaft internationaler Horizont zugrunde lag. Mit feinem Gespür für den Zeitgeist entwickelte er einen vollendeten, "russischen" Ballettstil: als Synthese unterschiedlichster Nationaltraditionen. Nach Stationen unter anderem in Brüssel, New York, Paris und Madrid verschmolz der aus Frankreich stammende Choreograf in St. Petersburg die französische Schule mit italienischer Virtuosität und Elementen der slawischen Volkstanzsprache – und führte das Ballett zu einer höchsten Blüte.
Darüber hinaus ist es bemerkenswert, wie Petipa die Tätigkeit in St. Petersburg zu seiner Lebensaufgabe machte. Seine Loyalität zu dieser Stadt bildete die Voraussetzung für die Kontinuität im Ballett der kaiserlichen Theater, die die einzigartige historische Strahlkraft dieser Epoche erst möglich machte.

Frage: Anfang Dezember feierte sein Klassiker "Don Quixote" beim Hamburg Ballett Premiere. Warum finden Sie es wichtig, dass die klassischen Ballette weiterhin gezeigt werden?

Antwort: "Don Quixote" ist ein fester Bestandteil unseres kulturellen Gedächtnisses. Für mich, für meine Tänzer, aber auch für unser Publikum ist es eine überaus wichtige Erfahrung, diese Art von Ballettklassikern in Live-Aufführungen zu erleben. Das Ballett "Don Quixote" hat eine zweifelhafte Bekanntheit, weil einige hochvirtuose Auszüge regelmäßig in Galas und bei Wettbewerben gezeigt werden. Umso wichtiger war es für mich, das Ballett in Hamburg vollständig aufzuführen – zudem in einer Fassung, die auch dramaturgisch zu überzeugen vermag. Der Hamburger "Don Quixote" war keine Rekonstruktion des Originals von Petipa, sondern eine Adaption von Rudolf Nurejew aus den 1960er-Jahren. An seiner Fassung schätze ich besonders die dezidiert künstlerische Herangehensweise: Hier finde ich die überzeugendste Entwicklung der einzelnen Charaktere.

Frage: Wird Ihrer Meinung nach genug getan, um das klassische Balletterbe zu bewahren?

Antwort: Soweit ich das überblicke, gibt es ein vitales Interesse daran, die Klassiker des Ballettrepertoires immer wieder mit neuem Leben zu füllen: von Seiten der Ballettcompagnien wie auch von Seiten des Publikums. Neben der Repertoirepflege werden regelmäßig Rekonstruktionen von historischen – man kann sagen: "klassischen" – Ballettproduktionen auf die Bühne gebracht.

Allerdings sind derartige Projekte nur möglich, insoweit es Ballettcompagnien gibt, die personell und logistisch dazu in der Lage sind. Leider entspricht die finanzielle Ausstattung nicht immer der Wertschätzung, die die Kunstform Ballett beim Publikum genießt. Selbst bei uns in Hamburg, wo wir seit Jahrzehnten eine international beachtete Aufbauarbeit geleistet haben und regelmäßig zu Gastspielen in aller Welt eingeladen werden, sind derartige Fragen Teil meines Arbeitsalltags. In Deutschland haben wir gute Erfahrungen damit gemacht, dass der Staat die finanzielle Grundausstattung wichtiger Kulturinstitutionen absichert. Für diese historisch gewachsene Infrastruktur werden wir in aller Welt bewundert. Als Künstler und Intendant setze ich mich rückhaltlos für die Bewahrung dieser einzigartigen Tradition ein – damit auch kommende Generationen den lebendigen Umgang mit ihren kulturellen Wurzeln erleben können!

ZUR PERSON: John Neumeier, geboren am 24. Februar 1939 in Milwaukee/ Wisconsin, USA, zählt zu den renommiertesten Choreografen weltweit. Seit 1973 leitet er das Hamburg Ballett, das er zu Weltruhm führte. Compagnien in aller Welt tanzen seine mehr als 150 Choreografien.

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