Leonberg (dpa) - Bei ihm wird Styropor quietschend über Geigensaiten gezogen, Bläser pusten ins Instrument ohne Mundstück, Sängerinnen schnalzen und ploppen. Und Schlagzeuger streicheln.

Für viele ist das keine Musik - doch will sich kein Konzerthaus, kein Orchester, kein Festival mehr ohne Werke von Helmut Lachenmann präsentieren. Er zählt definitiv zu den international einflussreichsten Schöpfern zeitgenössischer Musik. Am 27. November wird der Komponist mit dem dünnen grauen Haar und Vollbart 80 Jahre alt.

Sein tonloses Gezupfe, seine Zischtöne, seine fahlen Bogengeräusche, durchbrochen durch den einen oder anderen Schrei, lösen noch immer Kontroversen aus. Zu-Hörer seien in seiner Musik verloren, räumt er selber ein, weil sie zu seien. Hörer dagegen könnten was erleben.

Die Kritiker regen sich heute längst nicht mehr so über Lachenmann auf wie damals. 1997 etwa, als die Uraufführung seiner Oper Das Mädchen mit den Schwefelhölzern in Hamburg von einigen Medien quasi in der Luft zerrissen wird. Qualm vom Quälgeist lautet eine Überschrift, Musikzerschrottung steht anderswo.

Die Kritiken haben mich nie wirklich berührt, sagt der fünffache Vater und vierfache Großvater heute. Positive waren mir lieber, denn ich wollte einfach in diesem Musikbetrieb überleben. Kritiken brächten ihn innerlich nicht weiter - sie sind nützlich oder schädlich.

Im gleich Jahr bekommt er den Ernst-von-Siemens-Musikpreis, eine der wichtigsten Auszeichnung für Komponisten. In der Urkunde wird ihm kompromisslose Eigenständigkeit zugeschrieben. Seine freie Sprache mache ihn zum Erben jener großen Tradition, die von Beethoven über Brahms zu Schönberg und Nono führt. Er sei Vorbild für eine ganze Generation von Komponisten und Kunstschaffenden, heißt es bei Musik der Jahrhunderte in Stuttgart.

Lachenmann spaltet. Es gibt Leute, die - nicht nur bei meiner Musik - Türen schlagend den Saal verlassen, sagt der Stuttgarter. Aber wer stattdessen beim Hören genau aufpasst und beobachtet, wird wunderbare Erfahrungen, auch an sich selbst, machen. Die Frage sei, wie man mit Irritation umgeht. Lässt man die Jalousie runter und sagt Nee, das darf nicht passieren, oder schaust du in die unvertraute Welt rein, öffnest deinen Horizont, öffnest deinen Geist, dein Herz?

Lachenmann macht es uns nicht leicht, konfrontiert mit hochkomplexen Werken. Geräusche, nicht Töne, spielen die stilprägende Rolle. Ich nehme die jedem verfügbaren Instrumente und vertrauten Klangmittel und mache daraus meine Instrumente, wobei ich die Instrumente so behandle, dass sie in einem neuen Kontext neu klingen.

Sagen will Lachenmann mit seiner Musik gar nichts: Als Komponist sei er durch die Beschäftigung mit Klang und Klangstrukturen absolut ausgelastet und kümmere mich einen feuchten Kehricht drum, was ich oder was das sagen will. Aber was dabei entstehe, wird mehr sagen, als ich ahne. Das sei wie bei einer charakteristischen Handschrift.

Wesentliche Impulse erhält Lachenmann von Karlheinz Stockhausen und Luigi Nono, bei dem er in Venedig studiert. In den 70ern lehrt er selbst an der Musikhochschule in Hannover, in den 80ern dann in Stuttgart. Gastprofessuren führen ihn überall hin. Er organisiert sich selbst, mit Hilfe eines Büchleins, inzwischen aber auch mit Smartphone. Alltagsmusik hört er bei YouTube. Die US-amerikanische A-cappella-Gruppe Naturally 7 etwa begeistere ihn. Er liebe aber auch Oscar Peterson, Miles Davis, die großen Jazzmusiker und natürlich die Komponisten unserer wunderbaren europäischen Musik.

Wem’s g’fallt... urteilte sein Vater, schwäbisch distanziert, über die Musik. Fragt man Helmut Lachenmann, was er mache, wenn er sich nicht mit Musik beschäftige, sagt er: Dann spiele ich Klavier. Zum komponieren zieht er sich gern nach Piemont zurück. Einsamkeit ist eine kostbare Sache - wenn man spürt: Es gibt auch ein paar Leute, die einen mögen. Er möchte noch eine Oper komponieren, zu seiner Art gehört es aber, dass er auch schon eine Grabinschrift formuliert: Er komponierte umständlich, jetzt ist er stumm - endlich. 

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