Stuttgart (dpa) - Ihr erster Arbeitsvertrag hängt gerahmt hinter Glas in ihrem Büro, umrahmt von Fotos und anderen Devotionalien. Alles Zeugen eines wirklich ungewöhnlichen Lebens fürs Ballett.

Georgette Tsinguirides' erster Lohn beträgt 2520 Reichsmark. Als Chortänzerin Anwärterin tritt die Deutsch-Griechin am 1. Dezember 1945 ihren Dienst bei den Württembergischen Staatstheatern an. Heute, sage und schreibe 70 Jahre später, steht die Tochter eines Einwanderers immer noch auf der Gehaltsliste - inzwischen als Choreologin und Ballettmeisterin. 70 Jahre beim selben Arbeitgeber - klingt nach einem Jahrhundertrekord. Es geht immer weiter, sagt das 87 Jahre alte Phänomen selbst.

Tsinguirides wird nicht müde. Erst neulich begleitete sie das renommierte Stuttgarter Ensemble nach Korea - mit 87 Jahren.

Fixpunkt Cranko. Geht es um das Einstudieren von Werken der Choreographie-Legende, des legendären Begründers des Stuttgarter Ballettwunders John Cranko (1927-1973), ist das Auge von Georgette Tsinguirides nach wie vor gefragt. Für sie bedeutet es genau das, was sie so liebt: jeden Tag Ballettsaal, jeden Tag voller Elan. Und immer mit der ihr eigenen Genauigkeit.

Das Erbe John Crankos am Stuttgarter Ballett ist auf ewig mit Tsinguirides' Namen verbunden. Die Deutsch-Griechin garantiert die werkgetreue Aufführung der Ballette des Meisters. Mit Generationen von Tänzern studierte sie Crankos Werke ein. Es sei wohl eine Art Berufung, eine Verpflichtung, sagte die gebürtige Stuttgarterin mal.

Ein 70-jähriges Dienstjubiläum ist auch gestandenen Gewerkschaftern noch nicht untergekommen: Da gratuliere ich sehr herzlich, sagt Leni Breymaier, Landeschefin von Verdi. Sie sieht das Ganze aber auch kritisch: So etwas ist einmalig. Und bleibt es auch. Hoffentlich. Auch beim DGB in Berlin hat man sowas noch nie gehört.

Stuttgarts Ballett-Intendant Reid Anderson (66) arbeitet seit mehr als 45 Jahren mit Georgette Tsinguirides. Sie war damals schon ein Phänomen und ist es heute noch!, sagt der Kanadier. Mit ihrer Leidenschaft, Disziplin und Hingabe ist sie ein Vorbild für mich und meine Tänzer! Sie habe John Crankos Stücke Generationen von Tänzern beigebracht - nicht nur die Schritte, sondern die Intention dahinter, das Gefühl und den Geist Crankos.

Nachdem Georgette Tsinguirides früh ihre Mutter verliert, wächst sie unter der strengen Obhut ihrer Großmutter Maria Weickh auf, einer einstigen Hofdame bei Charlotte von Württemberg. Mit sieben beginnt sie eine Ausbildung an der Ballettschule des Stuttgarter Theaters. Im November 1945 erhält sie ihr erstes Engagement, später wird sie Solistin.

John Cranko selbst beauftragt sie, seine Choreographien in einer internationalen Tanzschrift aufzuzeichnen und somit für die Nachwelt zu erhalten. Sie beschreibt ihn als unglaublich intelligent. Er habe im Tänzer immer den Menschen gesehen. Ohne Cranko wäre sie sicher nicht so lange in Stuttgart geblieben, sagt sie selbst. Ich kann mich entsinnen, sagt Anderson, dass sie bei jeder Probe neben John Cranko saß – das "Bild" von John bei der Arbeit war nicht komplett ohne sie.

In jahrelanger Arbeit dokumentiert Tsinguirides Crankos Werke und studiert sie ein - nicht nur mit dem Stuttgarter Ballett, sondern weltweit mit mehr als 30 Compagnien. Auf ihre Tänzer lässt sie nichts kommen: Sie arbeiten so viel und stecken so viel weg. In der Szene mache man kein großes Drama aus den Dingen. Sie gehen einfach durch. Und steckten Rückschläge weg. So wie sie ihren unerfüllten Kinderwunsch. John war auch allein - und einsam manchmal.

Stuttgarter Ballett über Georgette Tsinguirides

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