Salzburg (dpa) - Eine wilde Schießerei in einer tristen Tiefgarage im modernen Rom: So beginnt die Neuinszenierung von Giacomo Puccinis Oper "Tosca" am Samstagabend zur Eröffnung der diesjährigen Osterfestspiele Salzburg.

Das vornehme und tendenziell eher betagte Publikum im Großen Festspielhaus war gewarnt. Auf einer Anzeigetafel über der Bühne wurden "laute Soundeffekte" zu Beginn der Aufführung angekündigt. Trotzdem missbilligendes Gemurmel, bevor die Musik anhob.

Michael Sturminger, Regisseur des musikalisch wie szenisch überzeugenden Abends, ist derzeit so etwas wie die Wunderwaffe des Opernregietheaters. Kein Bilderstürmer, sondern umsichtiger Interpret mit frisch wirkenden Ideen. Letzten Sommer hob er bei den Salzburger Festspielen einen stark aktualisierten, dennoch erfolgreichen "Jedermann" aus der Taufe.

Auch "Tosca" verortet Sturminger konsequent in der jüngsten Vergangenheit. Alter Ego des brutalen römischen Machthabers Scarpia aus dem Originallibretto ist niemand anders als "Il Divo" ("Der Göttliche"), jener Giulio Andreotti, der in Italien als Symbol der Vereinigung von politischer, krimineller (und kirchlicher) Macht zum Schaden der Allgemeinheit gilt. Der Schriftzug "Il Divo" taucht im letzen Bild der Oper auf, es ist der Titel eines 2008 herausgekommenen, preisgekrönten Films über den gnadenlosen Machtpolitiker, den dieser selbst als "Schurkenstreich" bezeichnet hatte.  

Sein Gegenspieler, der Künstler Mario Cavaradossi, kann getrost als Sympathisant der Terrorgruppe Rote Brigaden identifiziert werden, denen Andreotti einst versuchte, die eigenen finsteren Machenschaften in die Schuhe zu schieben. Zwischen den beiden Männer des (vermeintlich) guten und bösen Prinzips steht die Sängerin Floria Tosca. Sie gibt sich Scarpia/Andreotti hin, um ihren Geliebten Cavaradossi aus den Mafia-Fängen zu retten, wird von diesem jedoch teuflisch hinters Licht geführt: Eine Scheinhinrichtung Cavaradossis entpuppt sich als Realität.

Bei Sturminger passt das alles ziemlich gut zusammen und funktioniert bis zum Schluss, den der Regisseur spektakulär umdeutet. Anders als im Libretto überlebt Scarpia die Mordattacke Toscas und taucht am Ort der Hinrichtung Cavaradossis wieder auf. Dort erschießen sich Tosca und ihr Peiniger gegenseitig. Für die Ermordung Cavaradossis haben Andreottis Leute Jugendliche aus einem katholischen Internat gedungen, eine Idee, die frösteln macht.

In den spektakulären, großenteils historisch korrekten Interieurs von Bühnen- und Kostümbildnerin Renate Martin wäre dieses stimmige Setting noch durchschlagender gewesen, wenn der Bariton Ludovic Tézier als Scarpia sowohl stimmlich wie darstellerisch nicht ganz so harmlos-jovial agiert hätte.

Sein Gegenspieler, der Tenor Aleksandrs Antonenko als Cavaradossi, steigerte sich zwar nach Anlaufproblemen, konnte aber Anja Harteros als Tosca in punkto Intensität und Stimmkultur nicht das Wasser reichen. Seine berühmte Arie "Lucevan le stelle" sang er auf dem Dach jener Tiefgarage, in der die Oper begonnen hatte. Im Hintergrund das nächtliche Rom unterm Sternenzelt mit der Kuppel von St. Peter, ein magisches Bild.

Christian Thielemann am Pult der Sächsischen Staatskapelle Dresden zeigte an diesem Abend einmal mehr, dass er nicht nur ein Meister des deutschen Fachs ist, sondern auch im italienischen Repertoire den richtigen Ton findet. So luzide, transparent und flexibel interpretiert, hört man einen Schmachtfetzen wie "Tosca" selten. Nie deckt Thielemann die Sänger zu, lässt seine Musiker aber auftrumpfen mit markantem Blech und aggressiven Pauken, wenn es sein muss. Großer Jubel für die Musik, etwas weniger Jubel und ein paar Buhs für die Inszenierung.