Eickendorf l „Ich habe doch immer nur meine Arbeit getan“, meint Erika Fläschendräger und zuckt mit den Schultern. Dass sie Anfang der Woche den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland (Bundesverdienstkreuz) für ihre Leistungen im kommunalpolitischen, kirchlichen und kulturellen Bereich bekam, überrascht die bescheidene Eickendorferin sehr. So sehr, dass sie den Brief, in der ihre Ehrung verkündet wurde, fast weggeschmissen hätte. „Heutzutage bekommt man so viel unnötige Post“, so die Preisträgerin. „Der Brief hat keinen Absender und keine Briefmarke. Der kann weg“, dachte sie folglich. Als sie dann doch ganz klein durch das Umschlagsfenster über ihrer Adresse „Staatskanzlei“ gelesen habe, sei ihr das Herz in die Hose gerutscht. „Ich dachte: Was habe ich jetzt falsch gemacht“, erzählt sie und lacht dabei herzlich.

14-tägige Reise nach Russland

Doch bevor es zu dieser Auszeichnung kam, wurde Erika Fläschendräger der ein oder andere Stein in den Lebensweg gelegt. Als Siebenjährige wurden sie und ihre Familie eines Nachts nach Russland verschleppt. „Das war im Jahr 1946. Wir mussten das notwendigste, das wir zum Leben brauchten, auf einen Lkw packen und noch in derselben Nacht von Wormirsleben aus den Zug nehmen“, erinnert sie sich. Es folgte eine 14-tägige Reise über Polen nach Russland. Die Zeit dort empfand sie als einschneidend und hat sie bis heute geprägt. „In Russland habe ich den Sozialismus kennengelernt“, sagt sie in Erinnerung an eine harte Zeit.

Als Fläschendräger sieben Jahre später zurück in ihren Heimatort Eickendorf kam, traute sie sich lange Zeit nicht, sich politisch zu engagieren, so sehr sie es auch wollte. „Damals durften wir kein Wort über Russland und die Zeit dort verlieren“, erinnert sie sich.

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Frauensonderstudium als Maschinenbauerin

So arbeitete Erika Fläschendräger zunächst im Traktorenwerk als Sekretärin. Schon dort zeigte sich der Ehrgeiz der Eickendorferin, welcher sich wie ein roter Faden durch ihren Lebenslauf zieht. So absolvierte sie neben ihrer Arbeit von 1968 bis 1974 ein Frauensonderstudium als Maschinenbauerin. Für Erika Fläschendräger ein Kinderspiel: Harte Arbeit und Leistungsdruck war sie aus der Zeit in Russland gewöhnt. Erst 1989 war es, als die damals 50-Jährige beschloss: „Ich muss mich in der Politik engagieren“. Sie gründete zunächst den SPD-Ortsverein Eickendorf und wurde 1990 zur Bürgermeisterin der ersten Stunde in ihrem Dorf gewählt. Ein zweites Mal in ihrem Leben studierte die unermüdliche Eickendorferin. Dieses Mal war es ein Fernstudium bei dem Institut für Kommunalverwaltung in Hannover, wo sie 1994 ihr Sonderstudium der Kommunalverwaltung abschloss. Es folgten Jahre, in denen sie zusätzlich als Verwaltungsleiterin der Gemeinde arbeitete. Doch Bürgermeisterin und Verwaltungsleiterin zu sein reichte für die Eickendorferin an Engagement noch längst nicht aus. So war sie zusätzlich Vorsitzende des Gartenvereins, ist im Heimatverein aktiv und hilft oft und gerne in der Dorfkirche aus. Die Preisträgerin spricht so lebhaft und leidenschaftlich von ihren Tätigkeiten, dass auch Aussagen wie: „Und wenn der Pfarrer mal nicht konnte, mache ich auch schon mal einen Lesegottesdienst für die Gemeinde“, nicht verwundern. Nebenbei pflegt sie ihre Hobbys, nämlich die Garten- und Handarbeit und kocht jeden Tag für die gesamte Familie. „Zum Glück wohnen unsere zwei Kinder und drei Enkelkinder alle in der Umgebung. Das ist ein wahrer Luxus für uns“, sagt sie strahlend.

Der Weg zum Bundesverdienstkreuz war für Erika Fläschendräger ein steiniger, den sie jedoch gerne gegangen ist. „Ich glaube, dass man sich den Herausforderungen, die das Leben einem bietet, stellen muss“, glaubt sie. „Mein Leben ist von zwei zentralen Dingen geprägt. An erster Stelle steht immer die Familie. Dann kommt das Engagement für meinen Heimatort.“ Und genau dieser ist für die Eickendorfer einmalig. „Ich verstehe es nicht, wenn Menschen sagen, dass ihre Heimat überall sein kann. Für mich ist sie dort, wo jemand seine Wurzeln schlägt“, erklärt Erika Fläschendräger. Wie in so vielen Dingen in ihrem Leben lebt sie auch in dieser Aussage konsequent ihr Gesagtes vor: Mit ihrem Mann Gerhard Fläschendräger wohnt sie in der Eickendorfer Karl-Marx-Straße: in dem Elternhaus aus ihrer Kindheit.