Cobbel l Man trage hier gar keine Schuhe im Haus – eine Feststellung, die Lanruo Chi als Erstes in den Sinn kommt, wenn man nach kulturellen Unterschieden zwischen ihrer Heimat in Zentralchina und der Altmark fragt.

Und: Haustiere gibt es in diesem Sinne auch nicht bei ihr zu Hause. Dafür gibt es im Haus der Cobbeler Familie Kalkofen einen ziemlich anhänglichen Kater namens „Karotti“ und dessen Schmuseaufforderungen kann sich auch die junge Chinesin nicht erwehren.

Gekommen ist sie für ein dreimonatiges Praktikum, allerdings nicht direkt aus China, denn seit etwa eineinhalb Jahren studiert die junge Frau an der Hochschule Anhalt in Bernburg BWL. Auf dieses Auslandsstudium hat sie sich schon zu Hause etwa zwei Jahre lang vorbereitet – Deutschkurs inklusive.

In ihrem Heimatdorf – einem Ort mit 20 000 Einwohnern in Zentralchina – ist sie die Älteste von drei Kindern. Bruder (15), Schwester (6) und ihre Eltern sieht sie etwa zweimal im Jahr, wenn sie zu Besuchen nach Hause fliegt.

Gut 20 Stunden dauert das und in diesem Sommer wurde die Heimreise erst mal verschoben, damit sie in die Altmark kommen konnte. Den Kontakt zum Spargelhof in Cobbel hat sie über persönliche Beziehungen gefunden.

Spargelhofbetreiberin Carmen Kalkofen weiß die ruhige junge Frau als Unterstützung in der Buchführung zu schätzen. Gerade nach der Erntesaison sei immer einiges aufzuarbeiten. Frischen Spargel wird Lanruo also in Cobbel nicht zu sehen bekommen, dafür andere Dinge wie die Kartoffelernte und die Honigproduktion auf dem Hof Kalkofen.

Auch bei den Vorbereitungen für das Kürbisfest wird sie mit eingebunden und bei den Warenauslieferungen, etwa in die Edeka-Märkte der Region mit einbezogen, um alle Bereiche der regionalen Landwirtschaft kennenzulernen.

Landwirtschaft auch in China

Lanruo Chi ist übrigens bereits von Haus aus vertraut mit landwirtschaftlichen Abläufen, denn ihr Vater betreibt in der Heimat eine Schweinezucht mit 10 000 Tieren, die Mutter einen Ackerbaubetrieb. Früher seien die landwirtschaftlichen Betriebe in ihrer Heimatregion als Genossenschaften von vielen geführt worden, erst seit etwa 20 Jahren gebe es wieder privat wirtschaftende Betriebe, erklärt sie.

Auch die Wohnverhältnisse seien bei ihr zu Hause ähnlich wie in der Altmark. 180 Quadratmeter habe ihre Familie zur Verfügung. „In den Städten ist das natürlich anders“, erklärt sie.

Dass sie in Deutschland Erfahrungen sammeln und ihre Kenntnisse in Buchhaltung und Betriebswirtschaft ausbauen will, darin hätten sie auch ihre Eltern bestärkt, erzählt sie. Wenn sie ihren Bachelor in BWL in der Tasche hat, will sie hier weitere Erfahrungen sammeln.

In den nächsten Jahren möchte sie in Deutschland bleiben, auch ihren Freund hat sie hier. Ob sie später wieder in die Heimat zurückgeht, weiß sie noch nicht.

In der Familie Kalkofen fühlt sich Luang Chi wohl, sie liebt das gemeinsame Abendessen mit frischen Salaten und auch Nudelgerichte mag sie sehr. Im Gegenzug bereitet die junge Frau auch mal kleine Dinge aus ihrer Heimat zu.

Gastgeberin Carmen Kalkofen habe sich sogar ein chinesisches Kochbuch besorgt, freut sich Lanruo. Abends werde oft über Gott und die Welt geredet, auch das gefällt ihr gut.

Als sie hört, dass Cobbel mit 200 Menschen nur ein Prozent der Einwohner hat, die in ihrem Heimatort in China leben, ist Lanruo erstaunt. Abgehängt fühlt sie sich in der Weite der Altmark trotzdem nicht. „Ich habe ein Fahrrad, damit kann ich zum Bahnhof nach Mahlwinkel fahren und von dort überallhin“, sagt die junge Frau.