Die Bewältigung der US-Finanz- und Wirtschaftskrise wird darüber entscheiden, ob Barack Obama ein großer Präsident wird

Das Beste muss noch kommen

The best is yet to come" (Das Beste wird noch kommen). Das soll das letzte Lied gewesen sein, das Frank Sinatra in der Öffentlichkeit gesungen hat. Die Zeile des alten, kranken Sängers drückt trotziges Aufbegehren gegen das Unvermeidliche aus. Schlechte Aussichten in der Zukunft werden zugunsten einer kraftvollen Haltung in der Gegenwart ausgeblendet. Und vielleicht hat Barack Obama die Zeile bewusst zitiert, als er kurz nach seinem Wahlsieg zu seinen Anhängern gesprochen hat. Sie haben ihm eine weitere Chance gegeben, die großen Versprechen wahr zu machen, die er vor vier Jahren so geschickt zu der Zeile "Yes, we can!" (Ja, wir können es!") verdichtet hat. Am Anfang seiner neuen Amtszeit steht heute der Blues und nicht die Hymne.

Auch Obama ist älter geworden. Nur vier Jahre haben sein Haar sichtbar grauer werden lassen. Es fiel ihm schwer, im wichtigen ersten Fernsehduell gegen Mitt Romney seine Kraft zu bündeln. Und im Wahlkampf erlebte man seltener den überaus lässigen freundlichen Mann aus Chicago. Obama teilte aus und ließ austeilen im schmutzigsten und teuersten Wahlkampf der US-Geschichte. Dieser Wahlkampf hat ganz sicher nicht dazu beigetragen, die Kooperationsbereitschaft der Republikaner, auf die der Präsident so angewiesen ist, zu fördern. Schon in der Wahlnacht hat Obama einen neuen Anlauf gemacht, eine Zusammenarbeit mit der Mehrheitspartei im Repräsentantenhaus hinzubekommen. Nur sie ist der Schlüssel zu einer erfolgreichen Amtszeit. Niemand weiß, ob die Republikaner ihren Präsidenten in der bevorstehenden Finanzkrise erneut vor den Augen der Weltöffentlichkeit vorführen. Und wie republikanisch wird der Präsident noch werden, damit er handlungsfähig bleiben kann?

Bis Ende des Jahres muss er sich mit dem Kongress über einen neuen Haushalt einigen, ansonsten greift die Schuldenbremse - die "fiscal cliff". Dann werden Budgets seiner Regierung gekürzt und Steuererleichterungen für Arbeitnehmer, Vermögende und Unternehmen fallen weg. Amerika stünde vor einer Rezession. Das wird auch Kanzlerin Angela Merkel zu spüren bekommen. Denn Oba-ma will, dass die europäische Schuldenkrise mit mehr deutschem Geld eingedämmt wird. Denn wenn Eurokrise und US-Finanzkrise zusammenträfen, zögen sich die größten Märkte der Welt zusammen in die Tiefe. Diesmal steht Obama ganz am Anfang seiner Amtszeit vor seiner größten Herausforderung. Und so lange er sie nicht gemeistert hat, werden die USA ihr außenpolitisches Engagement zurückfahren. Europa müsste mehr Verantwortung bei der Bekämpfung der Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten übernehmen, damit der Westen nicht weiter an weltweitem Einfluss verliert.

Das Beste muss noch kommen. Obama will die USA zu einem modernen, solidarischen Staat entwickeln. Seit Jahrzehnten rottet die Infrastruktur vor sich hin, das Bildungssystem gibt breiten Schichten keine Chance, Amerika hängt noch an fossiler Energie. "Starving the Beast" (die Bestie aushungern) lautet hingegen das Motto vieler Republikaner, wenn sie dem Staat Geld und Macht für Förderprogramme vorenthalten, damit sein Einfluss nicht zu groß wird.

Alle Ziele des Präsidenten hängen also am Ende vom wirtschaftlichen Aufschwung seines Landes ab. Und davon ist wiederum Europa abhängig. Deshalb kann der ganze Westen nur mit Obama hoffen, "the best is yet to come". Falls er Recht behält, wird er sein Ziel, einer der großen Präsidenten zu werden, mit Sicherheit erreichen.