Deutscher "PISA-Papst" Jürgen Baumert erhält heute in Halle den Carl-Friedrich-Weizsäcker-Preis

"Das Bildungssystem ist ein schwerer Tanker"

Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina verleihen heute den Weizsäcker-Preis an Prof. Dr. Jürgen Baumert. Der frühere Direktor am Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung wurde vor allem durch die PISA-Studie bekannt, mit deren Erhebung er in Deutschland betraut war.

Von Ute Semkat

Seit dem deutschen "PISA-Schock" vor zwölf Jahren, bei dem die Neuntklässler aus dem "Land der Dichter und Denker" beim internationalen Schulleistungsvergleich gerade einmal im unteren Mittelfeld landeten, wurde die empirische Bildungsforschung zu einer gefragten Wissenschaft. Professor Jürgen Baumert als einer ihrer Impulsgeber und Wegbereiter wurde immer wieder als Berater der Politik herangezogen.

Inzwischen seien Anregungen umgesetzt und "viele Dinge durch politische Umsicht, aber auch durch glückliche Umstände gut gelaufen", sagt der mittlerweile emeritierte Professor, Mitglied der Leopoldina, in einem Interview anlässlich der Preisverleihung, das im Juni im Leopoldina-Newsletter veröffentlicht worden ist. "Mittlerweile haben Bund und Länder eine Infrastruktur geschaffen, die eine Dauerbeobachtung des Bildungssystems sicherstellt", verweist er auf Instrumente wie den nationalen Bildungsbericht und die Bundesländervergleiche, die für Transparenz zu den Niveauunterschieden im Bildungssektor innerhalb Deutschlands sorgen, sowie auf gesamtstaatliche neue Bildungsstandards. Baumert: "Vor zwölf Jahren hätte eine solche Vision als blanke Utopie gegolten."

Der Wissenschaftler räumt ein, dass die Kursänderungen erst allmählich Wirkung zeigten: "Das Bildungssystem ist ein schwerer Tanker." Dennoch gehe es schneller, als er erwartet hätte. Bei einer Zwischenbilanz im Jahr 2010 gehörte Deutschland zu den wenigen OECD-Staaten, die in allen untersuchten Bereichen deutliche Leistungssteigerungen verzeichnen konnten. In den Naturwissenschaften gelang sogar der Anschluss an die Spitzengruppe.

Nach Baumerts Einschätzung ist das deutsche Bildungssystem "auch sozial etwas gerechter geworden", die Risikogruppen sogenannter nicht zukunftsfähiger Schüler seien kleiner und die Leistungen der Kinder aus Zuwande- rerfamilien besser geworden.

Um die Reformanstrengungen in der deutschen Bildungslandschaft erfolgreich fortzusetzen und die Qualität und Effizienz der eingeleiteten Maßnahmen weiter zu steigern, dürfe die Transparenz in der Bildungspolitik nicht nachlassen. Das müsse "die Öffentlichkeit" einfordern. Der Bildungsforscher braucht nicht auszusprechen, dass in Bundesländern mit weniger erfolgreicher Schulpolitik das Interesse an Durchschaubarkeit begrenzt ist.

Eine neue Herausforderung bringt der demografische Wandel. Wegen des erwarteten Bevölkerungsrückgangs werden künftig nicht nur immer mehr Stühle in den Klassenzimmern frei bleiben, sondern es verändert sich auch die soziale Zusammensetzung der Schulklassen. An den Grundschulen wird sich in den nächsten zehn bis 15 Jahren der Anteil von Kindern aus zugewanderten Familien relativ erhöhen. Heute haben in den westdeutschen Flächenstaaten rund 30 Prozent der 15-Jährigen ausländische Wurzeln. Bei der nächsten Schülergeneration von jetzt ein bis fünf Jahren sind es bereits 35 Prozent. Ihr Anteil wird weiter steigen - auch ohne absoluten Zuwachs, einfach weil die Zahl deutscher Kinder abnimmt.

Das Problem sei, so Baumert, dass diese Kinder aus Familien kommen, die zudem oft zu den sozial schwächeren Bevölkerungsschichten gehören, gern auch als "bildungsfern" bezeichnet. "Umso dringender benötigen wir eine verlässliche und rechtzeitige Förderung gerade dieser Kinder, um ihnen einen sozialen Aufstieg als Voraussetzung struktureller Integration zu ermöglichen. Das ist eine große Herausforderung."

Vor allem ein gutes Sprach- und Leseverständnis sieht der Wissenschaftler als eine "Schlüsselkompetenz", weil sie alle anderen Lernprozesse erst erschließt. Bund und Länder bemühen sich zurzeit um eine Initiative zur systematischen Frühförderung in diesem Bereich. "Ich hoffe, dass es zu einer breiten Initiative kommt, die vorhandene Ansätze bündelt, fokussiert und eine systematische Auswahl unter erfolgreichen Programmen trifft, die dann in die Breite gehen.

Professor Baumert erhält den Preis im Rahmen einer Festveranstaltung am neuen Leopoldina-Sitz anlässlich des 100. Geburtstages von Carl Friedrich von Weizsäcker. Der Physiker war ebenfalls Mitglied der Akademie. Mit dem mit 50000 Euro dotierten Preis werden Wissenschaftler oder Forscherteams für ihren Beitrag zur wissenschaftlichen Bearbeitung gesellschaftlich wichtiger Probleme gewürdigt.