Gesundheit

Intensivmediziner in großer Sorge vor Corona-Herbst

Die vierte Corona-Welle rollt an und sorgt bei Intensivmedizinern für Sorgenfalten. Auf einer internationalen Konferenz in Weimar zeigt sich: Die sind nicht unberechtigt.

Von dpa
Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin Hamburg-Eppendorf (UKE).
Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin Hamburg-Eppendorf (UKE). Christian Charisius/dpa/Pool/dpa

Weimar - Der Blick auf die Corona-Situation im Herbst bereitet der Intensivmedizinervereinigung Divi auch mit Blick auf jüngere Patienten große Sorgen. „Die Situation ist jetzt gut beherrschbar, aber wir bereiten uns auf eine größere vierte Welle vor“, sagte der Hamburger Intensivmediziner und Divi-Präsidiumsmitglied, Stefan Kluge, am Mittwoch in Weimar. Es sei klar, dass es zu einem Anstieg der Intensivpatienten komme. „Wir sind in hoher Sorge.“

Kluge warnte, dass es auch bei Jüngeren, die sich nun vermehrt ansteckten, schwere Verläufe gebe. Auf der Intensivstation seien diese ähnlich wie bei älteren Patienten. „Die Jüngeren überleben halt länger.“ Es gebe Patienten, die teils über Monate an der künstlichen Lunge hingen - dadurch verschiebe sich teils das Sterbedatum nach hinten.

Genährt werde die Sorge vor einer heftigen vierten Welle unter anderem durch den stockenden Impffortschritt in Deutschland. Rund 90 Prozent der Intensivpatienten in Deutschland seien ungeimpft, betonte Kluge. Es gebe eben auch Impfdurchbrüche, etwa bei Patienten mit schweren Vorerkrankungen oder Immunschwächen, begründete Kluge die restlichen zehn Prozent. Aber letztlich sei der weitere Verlauf der Impfkampagne ausschlaggebend dafür, wie heftig die vierte Welle werde. Sorge mache ihm etwa, dass rund 20 Prozent der Über 70-Jährigen noch ungeimpft seien.

Im Vergleich zu anderen Ländern seien in Deutschland auch weniger Menschen genesen und somit durch eine Infektion immunisiert, sagte Kluge weiter. Dazu komme die generell sinkende Zahl an verfügbaren Intensivbetten: „Wir haben eine Flucht aus dem Pflegeberuf, und das verschärft die Situation weiter.“

Aktuell seien 1348 Intensivpatienten mit Covid-19 im Divi-Register verzeichnet und damit 25 mehr als am Vortag, sagte Kluge am Mittwoch. Das sei weniger als zum Höhepunkt der Covid-Pandemie. Divi steht für Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Aber: „Alle Modellierer und Modelle zeigen, dass die Zahl der Covid-19-Patienten ansteigen wird.“

Dass die Delta-Variante des Coronavirus in etlichen Ländern wieder für vollere Intensivstationen sorgt, zeigte sich auch auf dem Weimarer Sepsis-Kongress, an dem Kluge neben Hunderten anderen Experten teilnahm. Dort sollen ab Mittwoch für drei Tage Forschungsergebnisse zur Therapie von Covid-19-Patienten diskutiert werden.

Etliche Kollegen aus Ländern wie Serbien und Rumänien könnten jedoch nicht teilnehmen, weil sie sich um ihre Patienten kümmern müssen, sagte Organisator Frank Brunkhorst von der Deutschen Sepsisgesellschaft. In diesen Ländern gebe es aktuell einen „Covid-19-Peak“.

„Wir müssen schnell zu validen Ergebnissen bezüglich Wirksamkeit und Sicherheit kommen“, sagte Brunkhorst zur aktuellen Forschung. Dabei gehe es auch darum, nicht nur teure Antikörperpräparate zu erforschen, sondern auch billige und leicht verfügbare Therapien zu testen. „Wir wollen Therapien, die sich andere Länder auch leisten können.“ Als Beispiel nannte er etwa eine Behandlung mit Cortison.

Schwere Covid-19 Verläufe seien per Definition auch eine Sepsis, erklärte Brunkhorst vorab. Ungewöhnlich sei, dass bei Corona ein Virus die Sepsis auslöse. Das erfordere andere Behandlungsmethoden.

Eine Sepsis ist der schwerste Verlauf einer Infektion. Sie entsteht, wenn das Immunsystem eine lokale Infektion nicht mehr aufhalten kann und die Erreger in den Blutkreislauf gelangen. Im Volksmund ist sie auch als Blutvergiftung bekannt. Sie kann zu Multiorganversagen und letztlich zum Tod führen. Nach Angaben der Sepsisstiftung sterben daran jährlich 75.000 Menschen in Deutschland.