Umwelt

Regierung drängt auf Entscheidung über Munitionsbergung

Große Mengen Munition und Sprengstoffe rosten auf dem Grund von Nord- und Ostsee. Schleswig-Holstein fordert weiter eine rasche Zusage der nächsten Bundesregierung zur industriellen Bergung. Küstenländer schaffen dies nicht allein, warnt Umweltminister Albrecht.

Von dpa 04.09.2021, 08:47
Jan Philipp Albrecht (Bündnis 90/Die Grünen), Umweltminister, schaut in die Kamera.
Jan Philipp Albrecht (Bündnis 90/Die Grünen), Umweltminister, schaut in die Kamera. Marcus Brandt/dpa

Kiel - Auf dem Grund von Nord- und Ostsee liegen noch immer große Mengen Weltkriegsmunition. Eine potentielle Gefahr für Mensch und Umwelt, deren Beseitigung nach Ansicht von Schleswig-Holsteins Umweltminister Jan Philipp Albrecht die schnelle Unterstützung des Bundes erfordert. „Ich erwarte von der nächsten Bundesregierung ein klares Bekenntnis zur Finanzierung der industriellen Bergung“, sagte der Grünen-Politiker der Deutschen Presse-Agentur im Vorfeld eines Forums über die Bergung von Weltkriegsmunition (6. bis 10. September) in Kiel. „Die Küstenländer können diese Mammutaufgabe nicht alleine stemmen.“

Albrecht verwies auf die enormen Vorarbeiten der Küstenländer. Zusammen mit der Wissenschaft habe allen voran Schleswig-Holstein in den vergangenen zehn Jahren Lage, Zustand und Gefahren der 1,6 Millionen Tonnen Munitionsaltlasten in der deutschen Nord- und Ostsee aufgeklärt. Es sei alles vorbereitet, um in die Entsorgung dieser gefährlicher werdenden Munition einzusteigen. „Aber wir müssen jetzt anfangen, wenn wir dramatische Folgen für die Meeresumwelt und den Menschen abwenden wollen. Wir brauchen deshalb eine Entscheidung des Bundes noch in diesem Jahr.“

In deutschen Teilen von Nord- und Ostsee liegen nach Regierungsangaben in 71 belasteten Gebieten vor der Küste insgesamt rund 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Munition. Hinzu kommen etwa 5000 Tonnen chemischer Munition aus beiden Weltkriegen. Insgesamt sollen es in deutschen, dänischen, schwedischen, norwegischen und lettischen Gewässern 320 000 Tonnen sein. Im April hatte die Umweltministerkonferenz laut Umweltministerium einem Antrag des Landes zugestimmt, den Monitoringbericht zu einer Handlungsempfehlung auszuweiten und somit den Weg für den Einstieg in die Bergung zu bereiten.

Von Montag bis Freitag beraten auf der „Kiel Munition Clearance Week“ (KMCW) 150 Experten in Kiel auch über mittlerweile vorhandene Technologien zur Bergung in großem Maßstab. Erwartet werden unter anderem Untersuchungsergebnisse zu Muscheln. Forscher des Instituts für Toxikologie und Pharmakologie für Naturwissenschaftler des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein haben untersucht, wie die Munitionsaltlasten auf die marine Umwelt der Lübecker Bucht wirken. Taucher hatten Muscheln und Passivsammler in der Nähe von Munitionsfundorten ausgelegt.

Ein Regierungsbericht zu Munitionsaltlasten verwies auf die Dringlichkeit der Munitionsentsorgung. „Von Munition in Nord- und Ostsee gehen vielfältige Gefahren für Mensch und Umwelt aus“, erklärte eine Arbeitsgemeinschaft von Bund und Ländern. „Das Risiko ergibt sich aus Art und Dichte der Kampfmittelbelastung und der Form der Nutzung der Meeresgebiete, Ufer und Strände.“ Kampfmittel setzen mit zunehmender Korrosion der Metallhüllen toxische Stoffe frei.

Schleswig-Holsteins Technologieminister Bernd Buchholz (FDP) verwies auf Pläne der Kieler Werft ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS) für eine industrielle Bergung. Das mache das Ganze preiswerter. „Wir haben halt große Munitionsverklappungen in der Ostsee gehabt nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Dinge rosten und sie gefährden die Biologie und damit auch unsere Ostseestrände und den Tourismus.“ Die von TKMS entwickelte Technik habe das Potenzial, auch in anderen Ecken der Welt eingesetzt zu werden.

Als hilfreich für die Munitionssuche bewertet Buchholz auch die Bemühungen der Kieler Firma EGEOS, die sich mit digitaler Luftbild-Auswertung befasst. „Wir werden sehr viel genauer und schneller dabei sein können, solche Munitionsfunde zu lokalisieren und abzuarbeiten.“