Weltblutspendetag

Schwule könnten Blutspender werden

Schwule Männer dürfen in Deutschland kein Blut spenden. Das könnte sich ändern, denn seit April erlaubt der Europäische Gerichtshof theoretisch eine andere Regelung als den totalen Ausschluss von Männern, die Sex mit Männern haben oder hatten. Dr. Simone Heinemann-Meerz, Präsidentin der Landesärztekammer Sachsen-Anhalt, sprach mit Volksstimme-Volontärin Katharina Buchholz über das Thema Blutspende homosexueller Männer.

Von Katharina Buchholz

Volksstimme: Sachsen-Anhalt sprach sich als erstes Bundesland dafür aus, dass auch Homosexuelle Blut spenden dürfen. Was bedeutet so ein Landesbeschluss überhaupt?
Dr. Simone Heinemann-Meerz : Die Blutspende homosexueller Menschen wird nicht durch Landesgesetze geregelt. Vielmehr legt das Transfusionsgesetz des Bundes die Regeln der Blutspende fest. Zudem müssen die deutschen Regelungen zur Blutspende den Richtlinien der Europäischen Union folgen. Der Einfluss des einzelnen Bundeslandes in dieser Frage ist daher beschränkt. Politische Parteien können Forderungen stellen, um sich für eine Thematik oder Wählergruppe einzusetzen. So kann mit Hilfe der Politik auch Druck aufgebaut werden.

Ist das Ansteckungsrisiko von Schwulen höher als von Heterosexuellen mit einem ähnlichen Sexualverhalten?
Nein. Letztlich ist das Problem, dass es keine hundertprozentige Sicherheit bei einer Bluttransfusion gibt, denn auch die Tests können versagen. Man ist deshalb dazu übergegangen, Risikogruppen zu bilden. Aus vergangenen Untersuchungen des Robert-Koch-Instituts ließ sich ableiten, dass die HIV-Neuinfektionen bei Männern, die Sex mit anderen Männern haben, etwa einhundertfach häufiger sind als bei heterosexuellen Männern. Das Problem der Risikogruppenbildung ist, das man immer ungewollt Menschen diskriminiert.

Wie stehen Sie zur Ein-Jahres-Regelung, die besagt, dass Männer Spender sein dürfen, wenn sie ein Jahr keinen Sex mit Männern hatten?
Das ist ein sehr komplexes Thema. Die Einschätzung sollte nicht nur auf der Grundlage von Emotionen getroffen werden, sondern unter wissenschaftlicher Bewertung des damit verbundenen Risikos. Daher habe ich vollstes Vertrauen in die beteiligten Institutionen, dies nun nochmals nach aktuellen wissenschaftlichen Stand zu bewerten. Es ist ein medizinisches, aber auch ein gesellschaftliches Problem, bei dem man alle Seiten verstehen kann. Aber das Thema ist auch im Wandel. Die deutsche Aids-Hilfe sprach sich früher für den Ausschluss Homosexueller aus, jetzt wollen sie eine verhaltensbezogene Regelung. Und das ist gut so!

Was passiert nach dem Urteil des Europäischen Gerichtshofes für das Bundesgesetz?
Die Bundesärztekammer wird gemeinsam mit dem Bundesministerium und den zuständigen Bundesoberbehörden die Vorgaben des Europäischen Gerichtshofes prüfen und beurteilen, ob die im Jahr 2012 erhobenen Daten nach den derzeitigen wissenschaftlichen Erkenntnissen nach wie vor belastbar sind oder inwiefern die Richtlinie zur Blutspende geändert werden sollte - immer im Hinblick auf den maximal möglichen Schutz von potentiellen Empfängern.